Gesundheit : Reform der Lehrerbildung: Neue Pädagogen für Berlin

Bärbel Schubert

Wer kennt nicht die Klagen über überlastete oder gar unfähige Lehrer. In Berlin soll das jetzt anders werden. Mit seiner Zustimmung zu einem Expertenbericht hat der Senat in dieser Woche den Startschuss für eine grundlegende Reform der Lehrerbildung gegeben. Die angehenden Lehrer sollen künftig stärker in der Schulpraxis lernen und auch an den Universitäten ein schulbezogeneres Angebot bekommen. Und noch ein Sahnehäubchen obendrauf: Die jungen Lehrer sehen erstmals seit langem klare Chancen auf eine Stelle in Berlin. Der Senat hat sich auf einen Einstellungsbedarf von 700 bis 800 Lehrern mit Vollzeitstellen pro Jahr in der nächsten Zeit verständigt. Später sollen es sogar 1200 Lehrer werden. Um trotz Lehrermangels diese Lehrer später auch zu bekommen, sollen mehr Abiturienten für diesen Beruf geworben werden. Die Finanzseite hat dem Papier ebenfalls zugestimmt.

"Wir wollen vorrangig kürzere Studienzeiten für die angehenden Lehrer erreichen", erklärte Wissenschafts-Staatssekretär Josef Lange zur Umsetzung der Vorhaben. "Jetzt fehlen den Schulen Lehrer und mit kürzeren Prüfungszeiten schließen schon bald mehr Studenten ab". Bisher sind Prüfungszeiten von einem Jahr an Berlins Universitäten für Lehramtsstudenten die Regel, bei manchen mehr als zwei Jahre. "Das ist unverantwortlich" meint Lange. Auch trägt es erheblich zu den überlangen Studienzeiten in Berlin bei. Nach Langes Worten soll die Durchschnittsdauer von jetzt 1,5 Jahren auf sechs Monate reduziert werden. Dafür müssen die Prüfungsverfahren geändert werden, die bisher bundesweit eine Rarität bilden. Dies soll bis zum Herbst geschehen. Nach den neuen Hochschulverträgen sollen die kürzeren Studienzeiten spätestens bis Ende 2004 erreicht sein. Danach müssten die Hochschulen mit Nachteilen bei der Mittelzuweisung rechnen.

Mehr Flexibilität ist für das Lehramtsstudium erwünscht. Als Lösung wird über gestufte Studiengänge mit den Abschlüssen Bachelor und Master nachgedacht. Lange betont, dass die Reform der Lehrerausbildung zügig durchgesetzt werden soll. Die Vorbereitung hat zwei Jahre gedauert.

An der Humboldt-Universität wird bereits fleißig an den Voraussetzungen für reformierte Studiengänge gearbeitet. So genannte Module, also Lerneinheiten mit aufeinander abgestimmten Inhalten und begleitenden Prüfungen, werden dort für das erziehungswissenschaftliche Begleitstudium der angehenden Lehrer entwickelt. Die Fachwissenschaften müssten ein solches Konzept noch entwickeln, sagt der Vizepräsident der Humboldt-Universität, Heinz-Elmar Tenorth. Nach vielen Angeboten an Masterstudiengängen werden nun erste Bachelorstudiengänge in geisteswissenschaftlichen Fächern entwickelt, in denen dies als schwierig gilt. "Wir wollen die neuen Studiengänge", sagte Tenorth. An den Universitäten sei inzwischen auch klar, dass die Lehramtsstudiengänge verbessert werden müssen. "Wir brauchen aber auch die Unterstützung der Politik."

Die im Senatsbericht vorgeschlagenen Zentren für Lehrerbildung an den Universitäten lehnt Tenorth, der auch ein exzellenter Kenner der Schulen ist, dagegen ab. "Mehr Verbindung von Praxis und Hochschulausbildung muss sein. Das soll aber besser über die Fachwissenschaften organisiert werden. Große Zentraleinrichtungen führen nicht zu mehr Verbindlichkeit und Verantwortung." Tenorth schlägt statt dessen konkrete Schritte vor, beispielsweise jedem Studenten eine "Stammschule" zuzuordnen und mehr Praktika. "So kommen wir schneller zu Verbesserungen".

Erste Veränderungen in diesem Jahr

Anlass des Papiers sind Klagen aus Unternehmen und Hochschulen über zu schlechte Leistungen der Abiturienten "in wesentlichen Bereichen". Mängel beklagen sie bei der Arbeitshaltung und Motivation, bei den Arbeitstechniken und dem Beherrschen von Methoden. Der Bericht, der den klangvollen Titel "Zur Verbesserung der Studierfähigkeit und deren Auswirkung auf eine Reform der Lehrerbildung in Berlin" trägt, listet weitere Defizite auf: mangelnde sprachliche und schriftliche Ausdrucksfähigkeit nach dem Abitur. Wichtige Verbesserungen der Ausbildung an den Schulen sollen danach über besser ausgebildete Lehrer erreicht werden. Genannt werden aber auch kleinere Klassen, Unterricht in zeitweilig getrennten Gruppen, mehr Deutsch- und Mathematikunterricht (durchgängig vierstündig in den siebten bis zehnten Klassen), regelmäßige schriftliche Hausaufgaben, mehr Aufsatzerziehung und der Ausbau zweisprachiger Angebote. Naturwissenschaftlicher Unterricht soll ebenfalls verstärkt werden.

"Erste Veränderungen wollen wir schon in diesem Jahr durchsetzen", sagte der Sprecher der Senatsverwaltung für Schule, Thomas John. Seine Behörde ist federführend für die Umsetzung des Papiers verantwortlich. "Künftig müssen kontinuierlich Lehrer eingestellt werden", meint John, dämpft aber die Hoffnung, dass 700 Neueinstellungen pro Jahr schon beschlossene Sache seien. Haushaltsbeschlüsse gehörten auch dazu. Große Hoffnung setze man für die Lehrerausbildung auf die stärkere Verzahnung von Schule und Hochschule. John: "Das ist insgesamt wichtig für die Entwicklung unseres Bildungssystems". Die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen für Lehramt werde zwar erst einmal geprüft, sei aber realistisch. Zukunftsmusik sei allerdings die Lehrerbesoldung mit Leistungszuschlägen. "Dafür müssen wir erst einmal Kriterien entwickeln und der gesamte öffentliche Dienst ist beteiligt".

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