Gesundheit : Reform statt Etikettenschwindel

Heiko Schwarzburger

Mehr Qualität durch Bachelor und MasterHeiko Schwarzburger

"Nach zehn Jahren gibt es endlich wieder eine Debatte um die Studienreform", sagte Ulrike Gonzales, Studentensprecherin im Kuratorium der Freien Universität (FU). "Aber ohne inhaltliche Veränderungen werden auch die neuen Abschlüsse wie Master oder Bachelor nur eine leere Hülle bleiben." In einer Expertenrunde bei der Fraktion von Bündnis 90 / Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus forderten die Studenten mehr Freiheit bei der Wahl der Studienfächer und einen leichteren Wechsel zwischen den Hochschulen. "Der Bachelor darf nicht dazu führen, dass ein Studium stärker verschult", meinte Tobias Postulka von der Humboldt-Universität. Da der Bachelor den Studenten fachliches Basiswissen bieten soll für einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss, ist "der Spielraum für fachübergreifende Wahlfächer denkbar gering", wie Traugott Klose einwandte, Abteilungsleiter für Studium und Lehre in der Verwaltung der FU. "Beim weiterführenden Masterstudium ist die Wahlfreiheit überhaupt kein Problem."

Romin Reich von der Senatsverwaltung für Wissenschaft unterstützte die Haltung der Studenten, indem er die Studienreform zu einer der wichtigsten Aufgabe der nächsten Jahre erhob: "Es geht nicht um irgendwelche Titel sondern um Modularisierung der Studienpläne und Vergleichbarkeit durch Kreditpunkte." Die Senatsverwaltung hat den Hochschulen unlängst Leitlinien übermittelt, die für neue Master- oder Bachelorstudiengänge gelten sollen. "Das Grundstudium eines bisherigen Diplomstudienganges einfach als Modul zu deklarieren, das wird von uns nicht genehmigt", stellte er klar.

Nach der derzeit geltenden EU-Richtlinie müssen Studiengänge mindestens drei Jahre dauern. Das beinhaltet jedoch nur die Theorie. Fachhochschulen, die sich ihren Praxisbezug gern auf die Fahne schreiben, müssen demnach Praktika oder Aufenthalte in Unternehmen zusätzlich anbieten. Auch Reich forderte ausdrücklich, innerhalb der Bachelor-Studiengänge Wahlmöglichkeiten anzubieten. "Bevor wir einen Studiengang genehmigen, muss uns die Hochschule erklären, wie sie die Berufsbefähigung ihrer Absolventen erreichen will. Dazu gehören Abstimmungen mit potenziellen Arbeitgebern und klar definierte Ressourcen." Die Senatsverwaltung geht jedoch nicht so weit wie der Wissenschaftsrat, der die neuen angelsächsischen Abschlüsse an die Stelle des alten Diploms, Staatsexamens oder Magister setzten will. "Die Berliner Hochschulen können beide Systeme durchaus parallel laufen lassen", bot Reich an.

Die Studenten fordern, mit den neuen Abschlüssen den Übergang zwischen Universität und Fachhochschule (FH) zu erleichtern. Der Bachelor einer FH soll zum Master an der Universität berechtigen und der Master an der FH die Promotion an der Uni erlauben. Diese Debatte bedroht die Erbhöfe des zweigeteilten akademischen Systems in Deutschland. "Bei den Ingenieuren ist die Trennung in sogenannte theorielastige Studiengänge an der Universität und praxisorientierte Ausbildung an einer Fachhochschule ohnehin unsinnig", meinte Wolfgang Neef vom Zentrum für Technik und Gesellschaft der Technischen Universität. "Der berufliche Alltag der Ingenieure spiegelt diese Trennung schon längst nicht mehr wieder." Selbst "reine" Produktionstechniker müssten sich heute laufend mit neuen Entwicklungen in ihrer Branche auseinander setzen.

Auch der als konservativ geltende Verein der Deutschen Ingenieure drängt massiv auf inhaltliche und strukturelle Reformen der Ingenieursausbildung. Nach den Wünschen der Praktiker sollen Ingenieurstudenten künftig ein Fünftel aller Lehrmodule in Fachgebieten absolvieren, die nicht zu ihrer technischen Spezialisierung gehören. Auch die Internationalisierung wird groß geschrieben. Allerdings kommen damit auf die Dozenten völlig neue Anforderungen zu. So bietet die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) seit kurzem den Studiengang "Internationale Medieninformatik" an. Im gesamten Lehrplan findet sich nur eine einzige Vorlesung in englischer Sprache. "Was ist daran international?" fragte ein Studentenvertreter der FHTW. "Die meisten Professoren sind überhaupt nicht in der Lage, eine fachlich fundierte Lehrveranstaltung in Englisch anzubieten. Für Neuberufungen fehlt das Geld." Doch auch hier winkt ein Ausweg: der freie Wettbewerb um die hoch dotierten Professuren. Die Konsequenzen sind offensichtlich: Eine echte Studienreform wird es ohne Reform des Dienstrechts für Professoren und wirtschaftliche Rechnungsführung an den Hochschulen kaum geben.

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