Gesundheit : Rein ins Labor

Wie sich die Geisteswissenschaften mit „Schlüsselthemen“ wichtig machen

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„Auf hohen Ruhm verzichtend bringen tausend emsige Arbeiter täglich zahllose Einzelheiten hervor, unbekümmert um innere und äußere Vollendung, nur bemüht, einen Augenblick die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. In der vorwärts jagenden Hast gilt jeder Stillstand zum Über oder Rückblick für Zeitverlust. Mit der geschichtlichen Betrachtung ging einer der fruchtbarsten Keime des Großen verloren . . .“ (Emil du Bois-Reymond 1882 in einer Rede vor der Akademie der Wissenschaften)

Von Amory Burchard

Als der Berliner Physiologe Emil du Bois-Reymond 1882 in einer Rede vor der Akademie der Wissenschaften „Über die wissenschaftlichen Zustände der Gegenwart“klagte, glaubte er mit seinem Lebenswerk gescheitert zu sein. Um 1870 hatte er das erste Großlabor Berlins bauen lassen, in dem seine „Untersuchungen über Thierische Elektricität“, zur Nerven- und Muskelphysik, insbesondere des Froschbeines, im großen Stil vorangetrieben werden sollten. Aber es ging ihm um noch mehr: Experimente mit der neuesten Labortechnik sollten zugleich von „Ästhetik“ begleitet werden. Sein Idealbild der Forschung legte er in einer Zeichnung dar: Ein junger Forscher mit dem Körper eines griechischen Gottes sitzt am Labortisch. Doch anstatt wie er nach „harmonischen Verhältnissen im Herstellen von Wissen“ und „geschichtlicher Betrachtung“ zu streben, wollten die bei du Bois-Reymond beschäftigten Experimentalphysiologen schnelle Forschungsergebnisse.

So sind sie noch heute, die Naturforscher – und mit Erfolg. In ihren Laboren produzieren sie Dinge, mit denen sie die Menschheit wenn nicht retten, so doch beglücken. Die Geisteswissenschaften dagegen, denen sich du Bois-Reymonds Experimentatoren einst verweigerten, können einen solchen schnellen Nutzen nicht vorweisen. Was Philologen, Historiker und Philosophen leisten, scheint zu zeitlos schön, um gleich wichtig zu sein. So nimmt die breite Öffentlichkeit davon wenig Notiz. Wenn von den Geisteswissenschaften die Rede ist, geht es häufig um ihre vermeintliche „Krise“.

Die Volkswagenstiftung wollte schon zur Jahrtausendwende keine Klagen mehr hören, sondern förderungswürdige Anträge sehen. Sie forderte Geistes- und Kulturwissenschaftler heraus, in interdisziplinären Teams zu arbeiten und zwar „zu aktuellen, in der Gesellschaft diskutierten Fragestellungen“. Dafür bot die VW-Stiftung ihnen im Programm „Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften“ für drei bis fünf Jahre bis zu einer Million Euro Projektförderung. Nach einer Zwischenbilanz von elf Gruppen des Programms in der Akademie der Wissenschaften ist klar: Wenn sich Geisteswissenschaftler entschließen, mit anderen Disziplinen ins Labor zu gehen, schicken sie sich an, eben jene von du Bois vermissten „Keime des Großen“ hervorzubringen.

„Was ist Natur?“ fragen Ethnologen, Historiker, Sprach-, Medien-, Literaturwissenschaftler und Küstenforscher beherzt in einem in Hamburg, Geesthacht und Esbjerg angesiedelten Projekt. In ihrer Fallstudie „Natur im Konflikt. Naturschutz, Naturbegriff und Küstenbilder“ geht es um die Auseinandersetzungen um den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Die Konfliktparteien: Küstenbewohner, die mit und von dieser Natur leben müssen und wollen; Touristen, die sie als Erholungsraum brauchen; Naturschützer, die sie vor Nutzung schützen wollen; Politiker, die zwischen den Positionen vermitteln und Entscheidungen fällen müssen.

Und alle haben einen anderen, historisch gewachsenen Begriff von „Natur“. Das Wattenmeer wird von den einen als „heilende Natur“ begriffen, von anderen als „latent bedrohliches Natursubjekt“. Klimaforscher und Biologen prallen mit ihren Argumenten auf die ebenso mythischen wie unbeirrbaren Vorstellungen der Laien. Projektleiter Ludwig Fischer von der Uni Hamburg glaubt nicht, dass „das Recht auf den kulturell hervorgebrachten Küstenraum und die Pflicht zu seinem Schutz“ miteinander zu vereinbaren sind. Beide Positionen müssten gleichberechtigt nebeneinander stehen bleiben – und von den Praktikern vor Ort verstanden und vermittelt werden.

Verstehen, was die Menschen wirklich brauchen: Darum geht es auch einer Gruppe von Sprachwissenschaftlern und Soziologen, die die landwirtschaftliche Entwicklungszusammenarbeit mit dörflichen Gemeinschaften in Afrika und Südostasien erforscht. Die These der Forscher: Nur wer die Lokal-, National- und Kolonialsprachen kennt und ihre Funktionen für die jeweilige Community entschlüsselt, kann mit ihr effektiv zusammenarbeiten. Wie etwa mit den Tura, einem Volk an der Elfenbeinküste, das vom Maniok-Anbau lebt, aber durch Übernutzung der Böden einer Katastrophe entgegengeht. Die Forscher versuchen, die Tura anzuregen, neue Produkte anzubauen – und zwar über den eigenen Bedarf hinaus. Das Ziel ist, lokale Sprachen als Schlüssel nachhaltiger Entwicklung zu etablieren, sagt Bearth.

„Begeisternde Projekte!“ lobt der Essener Sozialpsychologe Harald Welzer die Kollegen. Sie hätten theoriefähige Themen aus der Feldforschung heraus entwickelt und nebenbei „definiert, was gesellschaftliche Relevanz ist“, anstatt dieses Ansinnen empört zurückzuweisen. Mit solchen Forschungsthemen zeigten die Geistes- und Sozialwissenschaften: „Wir gehören zur Öffentlichkeit, wir können qua Kompetenz interessante Dinge mitteilen.“ Welzer und sein Team schöpfen ihr Selbstbewusstsein aus ihrem Projekt „Erinnerung und Gedächtnis“.

Noch ein Schlüsselthema ist schließlich Emil du Bois-Reymonds Großlabor. Das von ihm selbst entworfene Gebäude in der Dorotheenstraße 35 in Berlin-Mitte ist bis heute erhalten. Am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte arbeiten Historiker, Kunsthistoriker Psychologen gemeinsam an einer „Kulturgeschichte der Lebenswissenschaften“ und damit im historischen Vorfeld des aktuellen wissenschaftlichen Boombereichs Biowissenschaften.

Jedenfalls ist die 1882 vorgebrachte Klage des Berliner Physiologen hochaktuell. Gerade Naturforscher stehen unter einem enormen gesellschaftlichen Druck. „Es ist nicht mehr möglich, die Wissenschaft im Labor zu halten“, sagt Martin Carrier, Wissenschaftsphilosoph aus Bielefeld. Dies führe zu vorschnellen Veröffentlichungen und Fehlern, die dann wieder das Vertrauen in die Wissenschaft erschütterten. Wie sich gesellschaftliche Ansprüche und Glaubwürdigkeit vereinbaren lassen – darüber denken jetzt in Bielefeld Soziologen nach.

Alle „Schlüsselthemen“ im Internet:

www.volkswagenstiftung.de/presse -news/presse03/24102003.htm

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