Gesundheit : Rein mit der Kultur

Die Leopoldina der Naturforscher beruft Geisteswissenschaftler

Uwe Schlicht

Die seit 350 Jahren bestehende Leopoldina der Naturforscher hat sich neu aufgestellt. Sie will künftig nicht nur die in Deutschland und in der Welt bekanntesten Naturforscher und Mediziner in ihre Reihen aufnehmen, sondern auch Geistes- und Sozialwissenschaftler. Das gelingt ihr ohne Schwierigkeiten, denn die Leopoldina in Halle erfreute sich selbst in der DDR eines internationalen Rufes und zählte unter ihren Mitgliedern auch vor der Wende prominente bundesdeutsche Wissenschaftler. Sie war eine der wenigen nationalen und internationalen Institutionen zugleich, die die Spaltung überstanden hatten. Das bringt sie heute in eine gute Position bei dem Streit um die Frage, wer die Rolle einer nationalen Akademie der Wissenschaften übernehmen kann. Insofern ist die Ansammlung herausragender Geisteswissenschaftler in ihrer neuen Sektion mehr als eine Personalie.

Wer wird nationale Akademie?

Die Leopoldina hat sich bisher solidarisch zur Union der deutschen Akademien verhalten und ein gemeinsames Vorpreschen mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie in die Rolle der nationalen Akademie abgelehnt. Aber seitdem im Jahr 2003 die Präsidentschaft auf Volker ter Meulen übergegangen ist, hat die Leopoldina den Anspruch angemeldet, in die Rolle einer nationalen Akademie zu schlüpfen. Deutschland sucht nach einem Weg, wie es die Wissenschaft international besser zur Geltung bringen kann. Die weltweit bekannten Akademien der Wissenschaften in den USA, Großbritannien, Frankreich, Schweden und Russland finden in der Union der Deutschen Akademien keinen geeigneten Ansprechpartner. Denn die sieben deutschen Akademien sind vorwiegend regional orientiert. Nur die Berlin-Brandenburgische Akademie, die im Jahr 1700 gegründet wurde, und die noch ältere Akademie der Naturforscher, die Leopoldina in Halle, beanspruchen nationale Bedeutung. Und sie sind Konkurrenten in dem Anspruch, künftig auch offiziell die Rolle der nationalen Akademie in Deutschland zu übernehmen.

Die Leopoldina ist von dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss, in den letzten Wochen als nationale Akademie erneut ins Gespräch gebracht worden. Auch der Wissenschaftsrat hat sich für eine nationale Akademie ausgesprochen, aber er empfiehlt eine Neugründung und möchte die Nationalakademie nicht einem abgestimmten Rollenspiel der sieben deutschen Akademien, der Leopoldina und der jüngst gegründeten Akademie für Technikwissenschaften, der Acatech, übertragen.

Neue Sektion Kulturwissenschaften

Schon im Jahr 2003 hat der neue Präsident der Leopoldina, Professor Volker ter Meulen, angekündigt, dass die Leopoldina sich über eine Fächergruppenakademie für Naturwissenschaften und Medizin hinaus um Technikwissenschaften sowie die Sozial- und Geisteswissenschaften erweitern möchte. „Wenn wir eine nationale Akademie mit der Repräsentation aller Fächer werden sollten, müssten wir uns vergrößern“, sagte ter Meulen. Es sollten gezielt geisteswissenschaftliche Disziplinen, „die zur Lösung von wichtigen Aufgaben erforderlich sind“, aufgenommen werden.

Vor diesem Hintergrund hat die Leopoldina ihr seit 350 Jahren bestehendes Fächerspektrum erweitert und im Oktober 2003 eine Sektion Kulturwissenschaften gegründet. Sie umfasst inzwischen außer dem Gründerkreis nach den jüngsten Berufungen zehn Gelehrte, unter ihnen einige der bekanntesten Geistes- und Sozialwissenschaftler der Republik. Zu ihnen gehören der Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und Germanist Wolfgang Frühwald, der Präsident des Berliner Wissenschaftszentrums und Historiker Jürgen Kocka, die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann aus Konstanz, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und Pisa-Experte Jürgen Baumert aus Berlin, der ehemalige Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin, der Soziologe Wolf Lepenies, die Historikerin Ute Frevert aus New Haven in den USA, die Philosophin Onora O’Neill aus Cambridge in Großbritannien, der Jurist Michael Stolleis aus Frankfurt am Main, der Jurist Rüdiger Wolfrum aus Heidelberg und die Soziologin Karin Knorr Cetina aus Konstanz.

Präsident Volker ter Meulen erklärte, diese neue Sektion werde auf der nächsten Jahresversammlung der Leopoldina in Halle eine große Rolle spielen. Die Jahresversammlung im Oktober 2005 steht unter dem breit angelegten Thema „Evolution und Menschwerdung“.

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