Gesundheit : Reisefieber

Drei Wochen Urlaub, acht Wochen krank? Wen es in die Ferne zieht, der braucht medizinischen Rat

Adelheid Müller-Lissner

Gelbfieber ist eine schwere Viruserkrankung. Die Entscheidung, ob man sich vor einer Fernreise gegen sie schützen muss, kann dagegen leicht sein. Dann nämlich, wenn das Einreiseland ein Impfzertifikat fordert. So ist es auch mit der Impfung gegen Meningokokken-Meningitis: Saudi-Arabien fordert sie vor der Einreise. Wer eine Pilgerreise nach Mekka unternimmt, genießt folglich besonderen Schutz, mindestens vor vier Formen der Hirnhautentzündung.

So klar wie bei diesen Impfungen sind reisemedizinische Empfehlungen leider nicht immer. Die Tipps der Veranstalter stuft der Reisemediziner Alan Sira vom Travel Medicine Center im kalifornischen Beverly Hills sogar als „sehr uneinheitlich“ ein. Mehr als 50 Millionen Menschen reisen in jedem Jahr aus den Industrienationen in weniger entwickelte Länder. Allein die Deutschen unternehmen zehn Millionen Reisen in Gebiete, die besondere gesundheitliche Risiken bergen. Das Abenteuer aber will gut vorbereitet sein. Sira hat jetzt für das Mediziner-Fachblatt „Lancet“ zusammengestellt, was seine Kollegen bei der Beratung und Betreuung von Fernreisenden beachten sollten.

Am wichtigsten ist das Gespräch: Der Arzt sollte nämlich nicht nur den Gesundheitszustand des Reisewilligen ermitteln, sondern auch zusammen mit ihm die geplante Reise analysieren: Zu welcher Jahreszeit findet sie statt, sind Zwischenlandungen geplant, will der Ratsuchende auf eigene Faust reisen, in Luxushotels oder im Zelt übernachten, ein Auto mieten oder örtliche Überlandbusse frequentieren? Tropenmediziner oder Ärzte mit einer Fortbildung in Reisemedizin beraten auf dieser Grundlage und anhand der aktuellen Informationen über Ausbrüche von Infektionskrankheiten darüber, welche Impfungen nötig sind. Sie erklären aber auch, was der Reisende mitnehmen und – ebenfalls nicht ganz unwichtig – sich besonders einprägen sollte.

30 000 Europäer und Nordamerikaner infizieren sich jährlich auf Reisen mit Malaria. Kurzreisen halten die Tropenmediziner inzwischen in dieser Hinsicht für besonders gefährlich. Denn viele Reisende verzichten auf eine mehrwöchige Vorbeugung. Der Aufwand – eine Impfung gibt es noch nicht – scheint ihnen im Verhältnis zur Reisedauer als zu groß, zumal einige Medikamente unangenehme Nebenwirkungen haben. So berichtet Gerd-Dieter Burchard vom Tropeninstitut Berlin, dass immer mehr Reisende sich und ihren Arzt fragen: „Drei Wochen Thailand – acht Wochen Depression, lohnt sich das?“ Ob es stattdessen reicht, für den Notfall Medikamente im Gepäck zu haben, muss eine individuelle Beratung klären.

Bei der Hepatitis A ist die Bequemlichkeit weniger verständlich, denn es gibt einen verträglichen und wirksamen Impfschutz, inzwischen sogar in Kombination mit der Hepatitis B. Sogar wenn die erste der beiden Injektionen erst wenige Tage vor der Abreise gegeben wird, bietet sie schon Schutz. Trotzdem kehren nach Auskunft des Deutschen Grünen Kreuzes in jedem Jahr fast 3000 Deutsche mit einer virusbedingten Leberentzündung vom Typ A aus dem Süden zurück. Sie wird durch verunreinigtes Wasser und Lebensmittel übertragen.

Überhaupt, das Essen: Fast 40 Prozent aller Asien-, Afrika- und Südamerikareisenden erwischt „Montezumas Rache“, der Durchfall. Fast immer geschieht das in den ersten beiden Wochen, die Hitliste der Erreger wird von Escherichia coli und Campylobacter angeführt. Was tun? Vor allem ganz einfache Dinge: Die Verschlüsse von Wasserflaschen prüfen, um sicher zu gehen, dass sie nicht mit Leitungswasser nachgefüllt wurden, keine Eiswürfel und kein Speiseeis zu sich nehmen, nur geschältes Obst essen, penibel auf das Händewaschen vor dem Essen achten. Hat es einen doch erwischt, dann kann man sich mit Elektrolytlösungen oder der „Hausmacher“-Lösung Flüssigkeit plus Salz plus Zucker vor dem Austrocknen schützen.

Neben einem Präparat mit dem Wirkstoff Loperamid, der die Darmbewegungen verlangsamt, gehört eventuell ein Antibiotikum für die Selbstbehandlung in die Reiseapotheke. Wer Fieber bekommt, sollte aber möglichst zum Arzt gehen. Kinder sind durch Durchfall besonders gefährdet, denn ihr Immunsystem ist so untrainiert wie ihr Hygienebewusstsein, außerdem trifft der Flüssigkeitsverlust sie härter. Siras empfiehlt die „Brat“-Diät: Bananen, Reis, Apfel und Toast – wenigstens vorübergehend. Denn grundsätzlich versichert der Mediziner: „Reisende müssen nicht auf das Vergnügen internationaler Küche verzichten.“

Auf einem anderen Gebiet würden viele Reisende wohl auch ungern Verzicht üben: Bis zu 68 Prozent aller Fernreisenden geben in Befragungen an, sie wünschten sich für diese Zeit neue sexuelle Kontakte. Die Beratung vor einer Reise sollte die Gefahren beinhalten, sich mit Hepatitis B oder C, Gonorrhöe oder HIV zu infizieren. Gunther van Laer, Leiter des Gesundheitsdienstes beim Auswärtigen Amt, sagt, HIV-Infektionen seien gerade bei „einsamen“ Dienstreisen keine Seltenheit. Siras rät Gefährdeten, vor allem aber medizinischem Personal, Aids-Medikamente mitzunehmen. Sie sollen nach einer möglichen Infektion und noch vor einem Aids-Test genommen werden. Frauen empfiehlt er, die „Pille danach“ dabei zu haben. Für den Fall, dass ein Kondom der Hitze nicht stand hält oder Durchfall die Wirkung der „Pille“ fraglich macht.

An diese Maßnahmen war noch nicht zu denken, als Goethe mahnte: „Unvorbereitetes Wegeilen bringt unglückliche Wiederkehr.“ Reisemediziner zitieren den Satz trotzdem gern: In jeder Saison ist schließlich erneut Anlass dafür gegeben.

Mehr im Internet unter:

www.frm-web.de , www.dtg.mwn.de , www.dgk.de , www.ibera-online, www.auswaertiges-amt.de . In Berlin Beratung beim Tropeninstitut, Spandauer Damm 130, Telefon 030-301166.

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