Gesundheit : Religion: Gibt es einen gerechten Krieg?

Wolfram Eilenberger

"Das kommt einem schon gespenstisch vor" - kommentiert die Koordinatorin des Symposiums "Gerechter Krieg - gerechter Friede" die Aktualität der Veranstaltung. Lediglich 16 Teilnehmer hatten sich für das seit Monaten geplante Symposium des Graduiertenkollegs "Anthropologische Grundlagen und Entwicklungen im Christentum und Islam" an der Universität Bamberg angemeldet. In den letzten Wochen nach dem 11. September allerdings habe das Telefon nicht stillgestanden. Von vielen Medienanfragen wissen die Veranstalter ebenso zu berichten wie von anonymen Beschimpfungen.

Besondere Aktualität kam dem Vortrag des Islamwissenschaftlers Professor Rudolph Peters (Amsterdam) zu, der sich unter dem Titel "Islam oder die Welt des Friedens - zwei islamische Visionen vom Dschihad" mit den verschiedenen Deutungen des "Dschihad" auseinander setzte. "Dschihad" bezeichne wörtlich "Anstrengung" im Sinne eines bewussten Überwindens von Widerständen. In religiöser Verwendung umspanne "Dschihad" Formen der Selbstkontrolle, die bis zu mystischen Praktiken reichen, den "Dschihad der Zunge" als offene Verbreitung der Lehre sowie kriegerische Auseinandersetzungen zur Verteidigung des Glaubens. Verkünde man die Verbreitung des Islam auf die gesamte Erdbevölkerung als letztes gottgewolltes Handlungsziel - wie das gewisse islamistische Gruppen tun -, so erweitere dies den möglichen Anwendungsrahmen des Begriffes "Dschihad". Dieser mehr politisch als religiös motivierten expansiven Auslegung stehen allerdings weit verbreitete defensive Strömungen entgegen, die den friedensfördernden Charakter des "großen Dschihads", des Kampfes um innere Reinheit und Tugendhaftigkeit betonen. Der kriegerische, "kleine Dschihad" bleibt dabei auf den Verteidigungsfall des territorialen Eindringens einer Fremdmacht begrenzt. Nur gibt es keine islamische Institution, die verbrecherischen Instrumentalisierungen religiöser Begriffe vorbeugen oder diese verbindlich sanktionieren kann.

Die Verschiedenartigkeit des Islam schränkt andererseits auch die Wirkungsbreite eines Aufrufs zum kriegerischen Dschihad stark ein. Wie anfällig das christliche Abendland sich für den politischen Missbrauch religiöser Begründungen zeigt, verdeutlichte der Vortrag von Thomas Hoppe. Unter dem Titel "Vom gerechten Krieg zum gerechten Frieden - Wandlungsprozesse in der christlichen Friedensethik" referierte der Professor für Katholische Sozialethik an der Bundeswehrhochschule in Hamburg über die unstete Geschichte der Lehre vom "gerechten Krieg". Im Zentrum stand hierbei die Bestimmung der "causa iusta", also eines Grundes, der kriegerische Gewaltanwendung theologisch rechtfertigen kann. Blieben bei Thomas von Aquin die Kriterien für einen rechtfertigenden Grund noch vage, so nutzten päpstliche Auslegungen diesen Freiraum zu Radikalisierungen, die neben physischer Gewalt auch gegen Gott begangenes Unrecht zur "causa iusta" erklärten. Kriegerische Auseinandersetzungen gegen Un- oder Andersgläubige erhielten so von der Kirche eine breite Legitimation. Gerade die Erfahrungen der auch in christlichem Namen geführten Ausrottungskriege in der Neuen Welt gegen die Indianer erzwangen aus theologischer Sicht Neuorientierungen. Die legitime Anwendung von Gewalt wurde auf eine verteidigende Reaktion eingeschränkt, betonte Thomas Hoppe.

Im Zeitalter der Massenvernichtungswaffen und der Taktik der gegenseitigen Abschreckung geriet auch diese Position an ihre Grenzen. An die Stelle eines Rechtfertigungsdiskurses trat deshalb in jüngster Zeit die Vorbeugung gegen Gewalt. Vor allem die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte sowie ein global ausgerichtetes Gerechtigkeitsdenken werden als wirksamste Mittel einer Vorbeugung gegen Konflikte erkannt. Es gibt eine zentrale Gemeinsamkeit der großen Religionen: Sie betonen die Notwendigkeit einer Grenzen übergreifenden sozialen Gerechtigkeit und Armenpflege. Ferner versichern sich die Religionen ihrer tragenden Rolle für eine Politik des Weltgemeinwohls.

Der Hamburger Philosoph Reinhold Schmücker prüfte unter dem Begriff der "causa iusta" die Gründe für einen Angriffskrieg. Er betonte ausdrücklich, dass Vergeltung oder Bestrafung von begangenem Unrecht oder die Notwendigkeit eines Präventivschlages in keinem Fall rechtfertigende Gründe für einen Angriffskrieg zwischen Staaten darstellen. Selbst eine humanitäre Intervention als Mittel der Nothilfe kommt nach Schmücker nur dann in Betracht, "wenn es sich um solche Verletzungen der elementarsten, die physische Integrität betreffenden Menschenrechte handelt, bei denen den Opfern selbst durch großzügigste Hilfsbereitschaft und großzügigste Gastfreundschaft des eine Intervention erwägenden Staates nicht geholfen wäre." Man darf bezweifeln, ob eine derartig differenzierte Anforderung vor dem Zugriff machtpolitischer Vereinnahmung geschützt bleibt.

So wurde im abschließenden Podiumsgespräch das "Kidnapping von Traditionen und Begriffen" als ein Hauptproblem der christlichen und islamischen Kulturen herausgestellt. Der bewusste Missbrauch von Begründungsmustern verweist aber auch auf das kulturübergreifende Bedürfnis nach einer Rechtfertigung kriegerischer Gewaltanwendung. Kulturelle Formen, die auf eine Rechtfertigung des Krieges mit Anderen gänzlich verzichten, dürften ebenso schwer zu finden sein wie Machthaber, die sich offen zu einem reinen Angriffskrieg bekennen. Der Vorwurf des bloßen Streits um Worte, den man häufig den Symposien der Geisteswissenschaft macht, nimmt sich vor diesem Hintergrund in der Tat seltsam aus. Denn wie viel schwieriger ist es, Begriffe wie "Dschihad", "gerechter Krieg" oder "infinite justice" öffentlich zu missbrauchen, wenn man sich über deren kulturelle Verankerung und Vielfalt im Klaren wäre.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben