Gesundheit : Religionswechsel: Den Glauben wechselt man nicht wie einen Sportverein

Andrea Roedig

Fatima Berger (Name geändert) wurde evangelisch erzogen. Sie wuchs in Hessen auf, ihr Vater starb früh. Nach einer ausschweifenden Jugendzeit mit etlichen sexuellen Abenteuern heiratete Fatima rasch hintereinander zwei Mal Männer aus dem Libanon und lies sich beide Male wieder scheiden. Kurze Zeit nach der zweiten Trennung, mit 27 Jahren, konvertierte sie zum Islam.

Der Übertritt in eine neue Religionsgemeinschaft ist nicht beliebig wie der Wechsel eines Sportvereins, er bedeutet den Wandel einer ganzen Weltsicht. Wie kommt es zu solchen Entscheidungen und welchen Sinn hat der Übertritt zu einer anderen Religion? Die Soziologin Monika Wohlrab-Sahr, Professorin an der theologischen Fakultät in Leipzig, stellte im Rahmen der Vorlesungsreihe "Grenzverwehungen" der Frauen- und Geschlechterforschung an der Freien Universität jetzt einige Ergebnisse ihrer Studien zum Religionswechsel vor. Wohlrab-Sahr führte eine Reihe von Interviews und verglich die "Konversion zum Islam" in Deutschland und den USA. Dabei geht es ihr weniger um die Gründe, die die Betroffenen selbst für den Religionswechsel angegeben, sondern um die Funktion, die der Wechsel in der jeweiligen Lebensgeschichte übernimmt.

"Das erste Mal, als ich mit einer Freundin schwimmen gegangen bin, war mir das total peinlich. Mit Kleidung geht man ja nicht ins Wasser", erzählt Fatima Berger im Interview. Als Muslimin geht sie völlig bekleidet schwimmen und begegnet den Blicken der Splitternackten am Badesee. "Ich habe mir gesagt: Wenn die sich trauen, nackt zu baden, dann trau ich mich bitteschön auch mit Kleidung ins Wasser."

Ein Verstoß gegen die Norm

Die strengen Regeln muslimischen Glaubens stehen im krassen Gegensatz zu Fatima Bergers ehemaligem Leben voller sexueller Abenteuer. Andererseits aber wiederholt sie als Muslimin eine Erfahrung, die sie schon früher gemacht hat: sie verstößt gegen Normalitätsregeln. War sie früher als "Flittchen" verschrien, lebt sie jetzt als verschleierte Frau gegen die Konventionen der westlichen Gesellschaft. "Der Religionswechsel", sagt Monika Wohlrab-Sahr, "kann eine Reaktion auf die Erfahrung persönlicher Entwertung sein. Die Konversion ermöglicht es, diese Erfahrung zu symbolisieren, zu artikulieren und darüber eine Problemlösung in Gang zu setzen."

Drei Typen des Übertritts zum Islam hat Wohlrab-Sahr anhand ihrer Interviews herausgearbeitet. Wie ein Mann zu sein hat und wie eine Frau funktionieren muss, ist in der westlichen Zivilisation lange nicht mehr starr definiert. Manche Person reagiert auf diese Verunsicherung im Bereich der Geschlechterverhältnisse mit dem Übertritt zum Islam. Er gibt neue (alte) Grenzen und Ordnungen vor. Wohlrab-Sahr nennt den Islam hier "Religion der Moral".

Ein Übertritt kann aber auch helfen, Schwierigkeiten im Berufsleben zu bewältigen. Der Islam wird zur "Religion der Disziplin". Eine abgebrochene Karriere oder gescheiterte gesellschaftliche Aufstiegsversuche lassen sich, wie Wohlrab-Sahr an einem zweiten Beispiel zeigte, durch eine Alternativkarriere innerhalb der muslimischen Gemeinschaft ausgleichen.

Drittens kann eine Konversion auch die Funktion "symbolischer Emigration" bei ethnischen Konflikten übernehmen. Der "Islam als Ideologie" ist vor allem in den USA ein weit verbreitetes Motiv. Hier ist eine große Anzahl der konvertierten Muslime afroamerikanischer Herkunft. Bereits in den Dreißigerjahren propagierte die Bewegung "Nation of Islam" eine eigene Staatsgründung mit dem Islam als "schwarzer" Religion. Der Bürgerrechtler Malcom X war einer der prominenten Vertreter dieser Bewegung.

Während im US-amerikanischen Kontext die politischen Motive im Vordergrund stehen, fand Wohlrab-Sahr in Deutschland eher persönliche Gründe für den Religionswechsel. Es sind jedoch nicht in erster Linie die "Grenzverwehungen", nicht die Auflösung der sozialen und geschlechtlichen Rollen in den westlichen Gesellschaften, die den Entschluss zu einer Konversion bewirken. Meist ist es gerade das Scheitern an traditionellen Rollenvorstellungen, wie dem Vater als Ernährer der Familie oder der brav verheirateten christlichen Ehefrau, die untergründig zum Beweggrund für den Religionswechsel werden. Der Islam erscheint als praktikable Alternative und gibt neue Strukturen vor. Vor allem aber erlaubt er den Beteiligten, sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb der "westlich" geprägten Gesellschaft zu fühlen.

Islam als Protestreaktion

Diese Struktur gelte sowohl für Deutschland, als auch für die USA, sagte Wohlrab-Sahr. "Offenbar können gerade vermittels der Aneignung einer fremden Religion Probleme innerhalb der eigenen Gesellschaft ausgedrückt werden." Die grundlegende Funktion, die der Islam für westlich sozialisierte Personen gegenwärtig zur Verfügung stellt, ist es, im eigenen gesellschaftlichen Kontext größtmögliche Distanz zu symbolisieren.

Der Übertritt zum Islam als Problemlösung - das entspricht nicht der Perspektive der Betroffenen. Der Religionswechsel schaffe auch neue Probleme, stelle Anforderungen, an die man vorher gar nicht gedacht habe, sagte eine konvertierte Muslimin aus dem Publikum. Für sie waren die Ergebnisse, die Wohlrab-Sahr mit soziologischer Methodik beschrieb, verständlicherweise wenig befriedigend.

Die Studie von Monika Wohlrab-Sahr liegt auch als Buch vor: "Konversion zum Islam in Deutschland und den USA", Campus-Verlag 1999, 68 Mark

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