Gesundheit : Reparatur am Menschen

Eine Ausstellung im Medizinhistorischen Museum der Charité zeigt das Leben mit Prothesen

Simon Wolf

Der Mann hinter der Glasscheibe lässt nichts aus: Irisprothese, Herzschrittmacher, künstlicher Unterkiefer, Beinprothesen. Auf Höhe des Brustbeins trägt er ein Gerät, das aus einem Sanitärgeschäft stammen könnte. Zwei dicke Plastikschläuche sind mit Metallgewinden an einem weißen Körper befestigt, der an eine Badezimmerarmatur erinnert.

Insgesamt 23 künstliche Körperteile sind an dem gläsernen Menschen ausgestellt, der gleichsam als Botschafter der Ausstellung „Leben mit Ersatzteilen“ im Medizinhistorischen Museum der Charité die Besucher empfängt. Zwischen Kopf und Fuß, das zeigt die Schau, gibt es wenig an unserem Körper, das nicht durch künstliche Teile zu ersetzen wäre – „oder zumindest zu unterstützen“, wie Museumsleiter Thomas Schnalke sagt.

Denn während es für Arme oder Beine komplette Prothesen gibt, bleiben Organe oft erhalten. Ersatzteile helfen ihnen bei ihrer Arbeit. Der Apparat auf dem Glasmann am Eingang etwa unterstützt das Herz, wenn es nicht mehr genug Kraft zum Pumpen hat. Das Herz muss das Blut nur noch bis in das Unterstützungssystem befördern, die künstliche Pumpe verteilt es dann in den restlichen Körper – so lange, bis ein Spenderherz gefunden ist.

Noch bis Ende Februar 2007 kann man sich anschauen, wie sich Ersatzteile vom Zahnersatz bis zur Fußprothese entwickelt haben. Die Zentren der Berliner Universitätsmedizin haben zu der Ausstellung des Deutschen Museums in München eigene Exponate beigetragen. So hat das Biomechaniklabor der Charité eine Hüftprothese entwickelt, die an ihrer eigenen Verbesserung mitarbeitet. Eingebaute Sensoren messen Temperatur und die Kräfte, die bei Bewegungen auf die Prothese wirken. Mit diesen Daten können neue Prothesen optimiert werden.

Die Ausstellung zeigt auch die Entwicklung der Medizin. Wo früher Kriegsinvaliden auf einem Holzstumpf durch die Gegend humpelten, ermöglichen moderne Prothesen zum Beispiel Weitspringen. Moderner Beinersatz soll aber nicht nur funktional sein, sondern auch ästhetisch. Ein Kunstbein ist gelungen, wenn man es nicht als solches erkennt.

Andere Ersatzteile dienen ausschließlich der Ästhetik. Epithesen sind kosmetische Prothesen für das Gesicht, hergestellt aus PVC oder Silikon. Verliert jemand bei einem Unfall ein Ohr, können sie zwar nicht das Hörvermögen zurückgeben. Künstliche Ohren oder Nasen sehen echten aber mittlerweile so ähnlich, dass Unfallopfer zumindest optisch nicht mehr mit einem Mangel leben müssen.

Ein interessanter Randaspekt der Ausstellung ist der Wandel der Vorstellungen über den menschlichen Körper, der stark von den Lebensumständen in verschiedenen Epochen beeinflusst war. Ein chinesischer Philosoph nahm 221 v. Chr. den Staatsaufbau zum Vorbild für den Körper. Dünndarm, Magen und Blase als Regierungspaläste, Herz und Lunge regierten die Untertanen Blut, Fleisch und Gefäße. Eine Darstellung des 19. Jahrhunderts zeigt den Menschen als Industriepalast, als komplexe technische Anlage. Diese Vorstellung ähnelt der Ausstellungsidee: Jedes Organ ist ein Rädchen im System, alle Störungen lassen sich reparieren, oder man muss die kaputten Teile ersetzen.

Die Ausstellung „Leben mit Ersatzteilen“ im Medizinhistorischen Museum der Charité, Schumannstr. 20/21, ist noch bis zum 25. Februar 2007 täglich (außer Montag) von 10 bis 17 Uhr zu sehen, mittwochs bis 19 Uhr.

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