Gesundheit : Reproduktionsmedizin: Zeugung unter dem Mikroskop

Adelheid Müller-Lissner

Manchmal kommt es auf die Masse an. Bis zu 100 Millionen Samenzellen sind nötig, damit eine einzige Eizelle mit einiger Aussicht auf Erfolg befruchtet werden kann. Schon Männer mit "nur" einer bis drei Millionen Samenzellen pro Samenerguss gelten als "funktionell zeugungsunfähig". Probleme mit Menge und Qualität des Samens gelten heute als wichtigste Einzelursache für die Unfruchtbarkeit von Paaren. Die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion, kurz ICSI, verspricht seit einigen Jahren Abhilfe. Bei ihr kommt es nicht mehr auf die Masse an.

ICSI eine Sonderform der In-vitro-Fertilisation (IVF), der herkömmlichen Reagenzglasbefruchtung: Auch bei ICSI wird eine Eizelle, die zuvor durch Hormon-Stimulation gewonnen und der Frau entnommen wurde, außerhalb des Körpers mit dem Spermium ihres Partners zusammengeführt. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass aufwendigere Prozeduren nötig sind, um Samenzellen zu gewinnen, nötigenfalls sogar direkt aus den Hoden des Mannes. Unter 400-facher Vergrößerung durch das Mikroskop wird anschließend eine einzelne Samenzelle eingefangen und in die Eizelle eingeschleust, die 48 Stunden später in die Gebärmutter eingesetzt werden kann.

Zwei britische Studien, deren Ergebnisse jetzt in der Mediziner-Fachzeitschrift "Lancet" (Band 357, Seiten 2075 und 2080) nachzulesen sind, haben sich nun mit zwei ganz unterschiedlichen, aber höchst praxisrelevanten Fragen beschäftigt, die sich rund um ICSI immer wieder stellen. Siladitya Bhattacharya und Kollegen untersuchten, ob die aufwendigere Methode der Spermien-Injektion auch bei denjenigen Paaren die Chancen auf ein Kind erhöht, bei denen keine schwere Form der männlichen Unfruchtbarkeit diagnostiziert wurde.

415 Paare aus vier britischen Zentren für Reproduktionsmedizin wurden für die Studie nach dem Zufallsprinzip entweder mit der herkömmlichen In-vitro-Fertilisation oder mit ICSI behandelt. Das Ergebnis: ICSI erhöht die Chancen auf ein Kind nicht, wenn der Grund für die Unfruchtbarkeit nicht mangelnde Qualität der männlichen Spermien ist. Sowohl die Rate der befruchteten Eizellen als auch die der Embryonen, die sich in der Gebärmutter einnisteten, war nach herkömmlicher Reagenzglasbefruchtung sogar etwas höher.

Nach Ansicht der Ärzte sprechen die Ergebnisse gegen eine Ausdehnung des Anwendungsbereichs von ICSI in der Fortpflanzungsmedizin. Sie haben allerdings keine Paare in ihre Untersuchung einbezogen, bei denen schon drei konventionelle IVF-Versuche oder mehr ergebnislos verliefen. "In manchen dieser Fälle kann man vermuten, dass das Zusammenspiel von Ei- und Samenzelle gestört ist", erklärt Heribert Kentenich, Leiter des Fertility Centers Berlin an der DRK-Frauenklinik. Dann könnte ICSI helfen. In Deutschland erfolgten 21 244 ICSI-Behandlungen im Jahr 1999, fast genauso viele wie herkömmliche In-vitro-Fertilisationen.

Gegen eine Ausweitung der ICSI-Technik auf alle Fälle von künstlicher Befruchtung im Labor sprechen nicht zuletzt die Kosten. Pro Zyklus kostet ICSI etwa 7000 DM. Bisher haben in Deutschland die Krankenkassen mit Hinweis auf die Forschungslage die Behandlungskosten - im Gegensatz zur herkömmlichen IVF - nicht übernommen.

Im April diesen Jahres hat ein Urteil des Bundessozialgerichts in Kassel allerdings neue Fakten geschaffen. "Zur Zeit sagen wir allen Patienten, die bei gesetzlichen Kassen versichert sind, sie müssen es noch selbst zahlen, sollten es aber bei ihrer Kasse anmelden", sagt Kentenich. Die privaten Krankenkassen zahlen die ICSI-Behandlung bei Ehepaaren, und zwar an den männlichen Versicherten. Wenn sie die Ablehnung der Kostenübernahme begründen wollten, bezogen sich die Kassen bisher auf Hinweise, dass die Missbildungsrate von ICSI-Kindern erhöht sei. Die Befürchtungen beziehen sich vor allem auf winzige Veränderungen des männlichen Y-Chromosoms, die ein bis zwei Prozent der unfruchtbaren Männer tragen. Erst die Methoden der modernen Fortpflanzungsmedizin machen es möglich, dass sie sie an ihre Söhne weitergeben.

Die zweite Studie, die im Fachblatt "Lancet" vorgestellt wird, beschäftigte sich mit der geistigen und motorischen Entwicklung der ICSI-Kinder in den ersten Lebensjahren. 208 ICSI-Kinder wurden für diese ebenfalls aus Großbritannien stammende Untersuchung im Lauf des zweiten Lebensjahres mit 221 auf normalem Weg gezeugten Kindern aus ähnlichen Familien verglichen. Dabei zeigten sich keine Unterschiede in der Entwicklung der Kleinkinder.

Leichter bei der Geburt

Die Wissenschaftler wollen ihre kleinen Versuchspersonen allerdings im Alter von vier bis fünf Jahren nochmals testen. Auch die "Nebenergebnisse" ihrer Untersuchung sind im übrigen wichtig: ICSI-Kinder kamen häufiger per Kaiserschnitt zur Welt und waren bei der Geburt leichter. Das erklären die Mediziner durch das höhere Alter der Mütter, die zudem praktisch immer ihr erstes Kind bekamen, während die Vergleichskinder schon Geschwister hatten.

Bedenklicher ist deshalb, dass diejenigen ICSI-Kinder, deren Väter an mangelnder Spermienqualität litten, etwas häufiger leichte Missbildungen hatten, zum Beispiel Fehlbildungen der Harnröhre (Hypospadie). Die Studie erfolgte allerdings an zu wenigen Kindern, um in diesem Punkt aussagekräftig zu sein. In einem Kommentar zu den neuen Arbeiten ruft der amerikanische Reproduktionsmediziner Sergio Oehninger seine Kollegen trotzdem zur Wachsamkeit auf, vor allem hinsichtlich der langfristigen gesundheitlichen Folgen.

"In der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ist das noch eine sehr neue Methode", sagt auch Kentenich, "deshalb werden wir endgültige Antworten auf diese Fragen erst bekommen, wenn die Kinder erwachsen sind." Die ersten ICSI-Kinder sind heute neun Jahre alt.

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