Gesundheit : Resistente Keime: Wenn Ärzte krank machen: Viel zu oft werden Antibiotika verschrieben

Alexander S. Kekulé

Noch vor wenigen Jahren galten Infektionskrankheiten als so gut wie besiegt: Die Pocken sind seit den Achtzigern ausgerottet, die Kinderlähmung soll nach den Plänen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Kürze vom Globus verschwinden. Gegen Bakterien gibt es ein ganzes Arsenal von Antibiotika, vom einfachen Penicillin bis zu modernen "Fluorchinolonen".

Am Montag dieser Woche hat der Glaube an die Segnungen des medizinischen Fortschritts einen Dämpfer bekommen. Der "Report on Infectious Diseases" der Weltgesundheitsorganisation WHO, jährlicher Lagebericht zum Krieg gegen die Mikroben, zeigt eine dramatische weltweite Zunahme der Infektionskrankheiten. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine interministerielle Arbeitsgruppe der Bundesregierung, die vorige Woche ihren Abschlussbericht vorlegte. Insbesonders bei Malaria und einigen bakteriellen Infektionen sieht es so aus, als würde der Homo sapiens die Schlacht in Kürze verlieren, weil die Krankheitserreger gegen alle Medikamente resistent geworden sind.

Wichtigste Helfer der todbringenden Mikroben sind ausgerechnet jene, die sich die Bewahrung des Lebens in den Eid geschrieben haben: Von Ärzten ohne triftigen Grund verordnete Antibiotika sind die Hauptursachen der rasanten Ausbreitung "multiresistenter" Keime, die gleich gegen mehrere Wirkstoffklassen gefeit sind. Statt geduldig zuerst die genaue Art eines Entzündungserregers zu bestimmen und dann das spezifisch wirkende Antibiotikum einzusetzen, greifen viele Ärzte zu einem "Breitband-Antibiotikum", das alle in Frage kommenden Bakterien sicher liquidiert - aber zugleich die Entwicklung resistenter Keime fördert. Nach Schätzung der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC ist ein Drittel aller Antibiotika-Verordnungen unnötig. Sogar bei Erkältung und Grippe werden Antibiotika verschrieben, obwohl sie bei solchen Viruskrankheiten wirkungslos sind - es geht eben immer noch schneller, ein Rezept auszustellen, als dem Patienten zu erklären, warum man es nicht tut.

Besonders verheerend ist die Situation in Krankenhäusern, die durch massiven Antibiotika-Einsatz zu regelrechten Brutstätten für gefährliche Keime geworden sind. Jedes Jahr infizieren sich über neun Millionen Menschen bei Klinikaufenthalten, 80 000 sterben an den Folgen. Längst gehören einst exotische "Super-Bugs", wie der "methicillin-resistente Staphylococcus aureus" (MRSA), in deutschen Operationsabteilungen und Intensivstationen zum Alltag. Letzte Rettung ist dann das Antibiotikum Vancomycin, das bis vor kurzem gegen alle bekannten MRSA-Stämme wirksam war. Doch auch diese "silberne Kugel" verliert durch das mit Schrecken beobachtete Auftreten Vancomycin-resistenter MRSA ihre Wirkung.

Zusätzliche Gefahr droht von der modernen Nutztierhaltung. Weil Rinder, Schweine und Geflügel - aus nicht genau bekannter Ursache - mit regelmäßiger Antibiotika-Behandlung schneller das Schlachtgewicht erreichen, werden die Bakterien-Killer dort als "Leistungsförderer" eingesetzt. Gelangen resistente Keime in die Nahrung, können sie verheerende Wirkung entfalten: In Dänemark infizierten sich 27 Menschen durch Verzehr von Schweinefleisch mit besonders aggressiven Salmonellen, zwei von ihnen starben. Durch Behandlung der Schweine waren die Erreger gegen die erst kürzlich entwickelten "Fluorchinolone" und fünf weitere Antibiotika resistent geworden.

Aufgrund solcher Vorfälle hat die Europäische Kommission die meisten Antibiotika aus der Nutztierhaltung verbannt. Nicht berücksichtigt wurden bisher jedoch zur Lebensmittelkonservierung zugelassene "Zusatzstoffe" wie Nisin und Natamycin. Da diese ganz nebenbei auch gegen Bakterien und Pilze wirken, werden sie nach wie vor zur Leistungsförderung eingesetzt.

Durch den übermäßigen Einsatz von Antibiotika entwickeln sich resistente Bakterien schneller, als die Pharmaforschung mit neuen Wirkstoffen nachkommen kann. Im April hat Pharmacia & Upjohn nach mehr als 20 Jahren Forschung das vollkomen neuartige Medikament Zyvox eingeführt, dass selbst bei Vancomycin-resistenten MRSA noch wirksam ist. Die Zeit bis zum Auftreten der ersten dagegen resistenten Bakterien wird auf maximal fünf Jahre geschätzt.

Der Autor ist Direktor des Institutes für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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