Gesundheit : Respekt, Mr. Summers

Der Harvard-Präsident versucht Wissenschaftlerinnen zu besänftigen und will „sorgfältiger zuhören“. Trotzdem spricht ihm eine Fakultät das Misstrauen aus

Leonard Novy

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Ohne erkennbares System durchschneiden die vielen Fußwege die immer noch verschneiten Rasenflächen des Harvard Yards, des malerischen Campus der Universität Harvard. Ein faszinierender Wirrwarr aus Pfaden, der den Backsteinbauten drumherum die Schau stiehlt und allen schiefen Winkeln zum Trotz doch ein harmonisches Gesamtbild ergibt.

Mehr ist zum Thema Harmonie in Harvard derzeit nicht zu sagen. Ein Skandal um Lawrence Summers, den Präsidenten der US-Kaderschmiede, und seine Aussagen über die Eignung von Frauen für wissenschaftliche Spitzenleistungen haben die Uni in eine schwere Krise gestürzt. Am Dienstag erreichte sie einen neuen Höhepunkt: Völlig überraschend sprach die Mehrheit der Professoren der Faculty of Arts and Sciences (FAS), die mit College und Doktorandenprogrammen das Herzstück der Hochschule bildet, Summers ihr Misstrauen aus. Ein beispielloser Vorgang in der Universitätsgeschichte, der die Rufe nach einem Rücktritt Summers’ noch lauter werden lassen wird.

Summers, der mit 28 Jahren Lehrstuhlinhaber für Ökonomie in Harvard wurde und danach als Chefvolkswirt der Weltbank und Finanzminister unter Clinton arbeitete, hatte vor zwei Monaten auf einer Wirtschaftskonferenz darüber gemutmaßt, ob die mangelnde Repräsentanz von Frauen in Spitzenpositionen in Naturwissenschaft und Technik nicht auf „intrinsische“, vulgo biologische, Unterschiede zwischen den Geschlechtern zurückzuführen sei. Seine Ausführungen mündeten in der Vermutung, angeborenes Talent und divergierende Lebensentwürfe seien wohl für die Schwierigkeiten von Frauen auf der Karriereleiter bedeutender als kulturelle Barrieren und Diskriminierung. Vor allem Frauen mit Kindern könnten oder wollten oft nicht die für einen Aufstieg in Spitzenpositionen erforderlichen 80 Stunden arbeiten.

Was laut Summers als „Provokation“ gedacht war, löste einen Skandal aus. Fünf Konferenzteilnehmerinnen verließen unter Protest den Saal. Nancy Hopkins, Biologin am „Massachusetts Institute of Technology“ (MIT), wurde später mit dem Satz zitiert, sie hätte sich sonst übergeben müssen. Rasch wurden universitätsintern Stimmen laut, die Summers vorwarfen, die Benachteiligung von Frauen an der Universität durch kruden Biologismus zu rechtfertigen.

Summers, unter dem die Universität mit über 22 Milliarden Dollar Stiftungsvermögen finanziell besser denn je (und besser als jede andere Uni weltweit) dasteht, bemühte sich rasch um Schadenbegrenzung. Er räumte ein, die Rolle von Sozialisierung und Diskriminierung unterschätzt zu haben. Ausgestanden war die Kontroverse damit jedoch nicht. Denn längst war aus „Gendergate“ („New York Times“) eine grundsätzliche Debatte über Summers’ Führungsqualitäten, den Umgang mit Minderheiten und den Kurs der Universität insgesamt geworden.

Bereits 2001 hatte Summers’ Konflikt mit dem schwarzen Theologen und Bürgerrechtler Cornel West und der anschließende Wechsel des populären Wissenschaftlers nach Princeton Schlagzeilen gemacht. Lediglich vier von 32 Lehrstühlen auf Lebenszeit an der FAS gingen während seiner Amtszeit an Frauen. Doch wird eine solche Schwarz-Weiß- Sicht Summers’ Bemühungen, für mehr Vielfalt auf dem Campus zu sorgen, nicht gerecht. Vor einem knappen Jahr kündigte Summers an, Studenten aus einkommensschwachen Verhältnissen künftig die Studiengebühren zu erlassen – ein Schritt, der von der „Financial Times“ als „egalitärer Traum“ beschrieben wurde.

Doch Summers polarisiert die Universität seit seinem Amtsantritt vor dreieinhalb Jahren. Befürworter sehen in ihm einen Visionär, der die weltweite Spitzenposition der Uni durch ehrgeizige Reformen ausbauen wird und nun im Begriff ist, Opfer einer Hetzkampagne politischer Korrektheit zu werden. In der Tat würde die ehrgeizige Agenda des Harvard-Chefs alleine wohl dafür ausreichen, sich an jeder Hochschule Feinde zu machen. Er tritt für eine Stärkung der Naturwissenschaften ein, will den universitätsinternen Wettbewerb ankurbeln und der inflationären Vergabe von Bestnoten Einhalt gebieten.

Doch auch Summers’ Fans auf dem Campus können die Kritik an seinem als autokratisch geltenden Führungsstil nicht entkräften. Summers hat sich durch seinen ruppigen Umgang mit anders denkenden Fakultätsmitgliedern den Ruf erworben, im intellektuellen Wettstreit keine Gefangenen zu machen. Jedes Mal, wenn er den „Respekt vor der intellektuellen Expertise von Kollegen“ vermissen lasse, so die Wirtschaftsprofessorin Caroline Hoxby bei einer Fakultätsversammlung im Februar, zerbreche ein Stück des universitären Zusammenhalts. Insofern markieren die jüngsten Entwicklungen den Tiefpunkt einer von vornherein problematischen Verbindung zwischen dem selbstbewussten Präsidenten und einem universitären Mikrokosmos, dessen Befindlichkeiten zu verstehen er nicht willens oder nicht in der Lage zu sein scheint. Keine gute Voraussetzung für das Amt eines Hochschulpräsidenten, der ausgleichend wirken sollte.

In den letzten Wochen hat Summers versucht, das Blatt für sich zu wenden. Er versprach, in Zukunft „sorgfältiger zuzuhören“ und Universitätsmitgliedern mit dem „ihnen gebührenden Respekt“ entgegenzutreten. Doch die Charmeoffensive war vergebens. In einer turbulenten Sitzung beschäftigten sich die Professoren der FAS am Dienstag ein drittes Mal mit der „Causa Summers“. Zur allgemeinen Überraschung stimmten 218 der 421 anwesenden Professoren für den im Vorfeld als chancenlos gewerteten Antrag des Anthropologieprofessors J. Lorand Matory, Summers das Vertrauen in die Führung der Universität abzusprechen.

Obwohl die Abstimmung selber nur symbolischen Charakter hatte, forderten Summers’ Gegner, darunter der Initiator des Votums, ihn im Anschluss an die Versammlung auf, den Weg für einen Neuanfang frei zu machen. „Ihm bleibt nur der Rücktritt“, sagte Matory. Summers dagegen kündigte trotzig an, alles in seiner Macht Stehende zu tun, „um unsere gemeinsame Aufmerksamkeit wieder auf die vor uns liegenden akademischen Herausforderungen zu lenken“.

Es sieht nicht danach aus, als würde der angeschlagene Harvard-Chef freiwillig seinen Hut nehmen. Über seine von vielen Universitätsmitgliedern geforderte Demission kann nur die Harvard Corporation, das siebenköpfige Leitungsgremium der Universität, entscheiden. Darin sitzen sechs Männer und eine Frau.

Die umstrittene Rede im Internet: www.president.harvard.edu/speeches/2005/nber.html

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