Gesundheit : Resümee nach dem Marsch durch die Wüste: Am Ende ist jeder allein

Nina Peters

"Bei den Apachen müsstest du drei Tage durch die Wüste laufen, hier verlangt man ein Examen von dir." Die tröstenden Worte von Gisas Vater klingen immerhin einfallsreicher als die oft gehörten Wortgeschütze: "Das schaffst Du schon!" Und trotzdem: Ist ein Marsch durch die Wüste nicht angenehmer als Gisas neunmonatiger Trip bis zum ersten Examen im Lehramt für Deutsch und Geschichte? Überall lauern unverständliche Foucault-Bücher, die "fett und giftgrün" auf Gisas Nachttisch liegen. Herr Schäfer vom Prüfungsamt setzt "routiniert und gewissenhaft wie der niedere Beamte einer strengen Einwanderungsbehörde" seinen Stempel hinter 26 angemeldete Prüfungsthemen. Und die üblichen Drogen wie Kaffee und Schokolade: "Heute morgen auf der Waage wurde mir grausam bewusst: Ein Examen macht hässlich."

Die Kolumne, die Gisa Funck während ihrer Examenszeit in der Süddeutschen Zeitung über neun Monate schrieb, stieß auf reges Interesse: im Internet schütteten Leidensgenossen ihr Herz aus. Hochschulmitarbeiter und Professoren, die bei Funck ihr Fett abbekommen, reagierten ebenfalls.

Bei Kiepenheuer & Witsch ist das "Tagebuch einer Examenskandidatin" jetzt in Buchform erschienen. Die Autorin, Jahrgang 1968, verbindet in ihrem Tagebuch zwei Phänomene der jüngeren deutschen Literatur: die Hinwendung zu den Abenteuern des Alltags sowie die Beschreibung einer westdeutschen Kindheit und Jugend. Denn auf den knapp 140 Seiten liest man auch über ein Leben vor dem Examen. Das Lebensgefühl der "Nach-Hippies, Nach-Yuppies, Noch-Nicht-Gameboys" beschreibt Funck mit der Kurzatmigkeit der Kolumnistin und dem Sarkasmus der Studentin eines Massenstudiengangs an der Massenuniversität in Köln. Für "Echt fertig!" gilt daher: Als Lektüre durchaus zu empfehlen, nicht nur zur Examenszeit.Gisa Funck: "Echt fertig! Tagebuch einer Examenskandidatin", Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2000, 14,90 Mark

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