Gesundheit : Retter der Klassik

Hoch dotierter Preis für Musikwissenschaftler

Carsten Niemann

„Ursprünglich wollte ich Musikjournalist werden“, sagt der hörbar gut gelaunte Ludwig Finscher am Telefon. Soeben hat der 1930 geborene Musikwissenschaftler den mit 640 000 Euro dotierten Balzan- Preis für Geisteswissenschaften gewonnen. Die italienisch- schweizerische Balzan- Stiftung fördert weltweit geistes-, naturwissenschaftliche und kulturelle Leistungen. Ganz untreu ist sich Finscher mit der Wahl seines Berufes dennoch nicht geworden: Über die engen Kreise seines Fachs gilt der Wissenschaftler als ausgesprochen begabter Kommunikator.

Der lebendig und druckreif formulierende Wissenschaftler beeindruckt durch die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte mithilfe einfacher Fragen und klarer, gut recherchierter Antworten aufzulösen. Eine entscheidende Gabe in einem Fach, das die Sprache der Musik mit Worten beschreibt. Während er an seiner 1967 erschienenen Habilitationsschrift „Das klassische Streichquartett und seine Grundlegung durch Joseph Haydn“ saß, provozierte Finscher die Fachkollegen mit dem Aufsatz „Zum Begriff der Klassik in der Musik“. Dabei unterzog der den abgegriffenen Begriff „Klassik“ einer kritischen Generalüberholung – und zeigte, wie er als Epochen- wie Stilbezeichnung für die Wissenschaft zu retten sei.

Auf die Habilitation folgte die Berufung als Professor an die Uni Frankfurt und später nach Heidelberg. Von 1977 bis 1981 war Finscher Präsident der Internationalen Gesellschaft für Musikforschung. Trotz seines Interesses für Musik des 15. und 16. Jahrhunderts wie auch an den von ihm edierten Kompositionen Hindemiths stehen Finscher die Klassiker des 18. Jahrhunderts besonders nahe: So wirkte er an der Mozart-Gesamtausgabe mit.

In die Erforschung des 18. Jahrhunderts werde er wohl auch jene Hälfte des Preisgeldes fließen lassen, die zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses bestimmt ist, sagt Finscher. Gleichzeitig ist der seit seiner Emeritierung im niedersächsischen Wolfenbüttel lebende Wissenschaftler froh, dass er im nächsten Jahr sein bekanntestes Projekt abschließen kann: die Neuherausgabe von „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“, der mit 27 Bänden größten Musikenzyklopädie der Welt.

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