Gesundheit : Rettungsringe in die Klassenzimmer Bürger fordern mehr Leistung und Erziehung von der Schule

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Luft soll dem deutschen Bildungswesen neuen Auftrieb geben. Genauer gesagt: Luft, verpackt in rot-weiße Rettungsringe, mit denen die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ihre Kampagne „Rettet die Bildung!“ illustriert. Als Einstimmung auf die bundesweite Protestaktion der GEW stellte die Vorsitzende Eva-Maria Stange am Mittwoch die Ergebnisse der jüngsten Repräsentativumfrage des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) in Berlin vor. Sie attestiert den Schulen schlechte Zensuren: „Wenn es bei den anstehenden Zeugniskonferenzen auch um die Noten für das Schulsystem insgesamt ginge, gäbe es kaum Chancen auf Versetzung.“ Der Hintergrund: Nur jeder Fünfte der über 3000 Befragten, davon ein Drittel Eltern mit Schulkindern, benotet die Schulen „sehr gut“ oder „gut“. Bis vor kurzem wäre dieses Ergebnis höchstens eine Randnotiz wert gewesen - doch knapp ein Vierteljahr nach Veröffentlichung der schlechten deutschen Ergebnisse beim internationalen Schultest Pisa stand die IFS-Studie unter besonderer Beobachtung. Die Experten erwarteten, dass sich ein „Pisa-Faktor“ in der Befragung niederschlagen würde. Also: Hat die Schulstudie die Deutschen wachgerüttelt? Oder lässt sie die neue Bildungdebatte kalt? Das Ergebnis zeigt eindeutig: Das miese Abschneiden der deutschen Schüler hat Folgen.

Erziehung ist wieder „in“

Rund drei Viertel der Befragten verlangen, dass sich Schule mehr um Allgemeinbildung, soziale Kompetenz sowie eine bessere Vorbereitung auf das Berufsleben kümmern müsse. Auch Disziplin und Durchhaltevermögen stehen hoch im Kurs: Zwei von fünf Befragten meinen, dass die Anforderungen in der Schule zu niedrig sind. Der Erziehungswissenschaftler Hans-Günter Rolff, Leiter des IFS und der Untersuchung, sagt: „Mehr Leistung und mehr Erziehung - so lautet der Anspruch an die Schule der Zukunft.“ Erstmals wünscht sich über die Hälfte der Bundesbürger die Einrichtung von mehr Ganztagsschulen. Dabei sollten die Schulen mehr sein als nur „Unterrichtsfabriken“, sondern Lebensraum für Kinder und Jugendliche mit entsprechenden Freizeitangeboten.

Bildung ja, Reform nein

Was neu ist: Die meisten Bürger weisen der Bildungspolitik höchste Priorität zu. Fragt man danach, in welchem Bereich der Staat mehr Geld ausgeben sollte, rangiert Bildung auf dem dritten Platz - nur Arbeitslosigkeit und Einschnitte im Gesundheitswesen beunruhigen die Menschen mehr. „Das ist ein deutlicheres Votum für Bildung als je zuvor“, meint Rolff. Und im gleichen Atemzug: „Trotzdem wünschen sich immer weniger Eltern, dass ihre Kinder studieren.“

Insgesamt ist das Fazit der Studie ambivalent: „Überall der Wunsch nach mehr Leistung in den Schulen, aber ohne Reform“, bringt Rolff das Ergebnis auf den Punkt. Denn trotz wachsender Unzufriedenheit, maßgeblich durch Pisa beeinflusst, lehnt die Überzahl der Befragten eine Verlängerung der Grundschulzeit, Gesamtschulen und eine zensurenfreie erste bis dritte Klasse ab. In diesen Punkten hat auch der Schulvergleich anscheinend keinen Bewusstseinswandel gebracht. Das ist umso erstaunlicher, als beim Pisa-Test eben jene Länder gut abgeschnitten haben, die ihre Kinder nicht früh sortieren, sondern auf ein integriertes und förderndes Schulsystem setzen.

Eva-Maria Stange von der GEW erklärt dieses Paradox damit, dass den Bürgern Änderungen suspekt seien, „weil sie es ja nicht anders kennen“. Einen „Trend zum Konservativen“ attestiert auch Rolff den Eltern. Da hilft nur noch langer Atem, viel Puste – und ein Rettungsring. jvm

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