Gesundheit : Rezepte gegen die Immunschwäche

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Von Hartmut Wewetzer

„Die Aids-Epidemie ist noch immer im Frühstadium. Aber unser Kampf gegen sie ist in einem noch viel früheren Stadium.“ Peter Piot, Leiter des Aids-Bekämpfungsprogramms der Vereinten Nationen (Unaids), ist ein Freund deutlicher Worte. Und deutlicher Forderungen. Zum Auftakt der 14. Internationalen Aids-Konferenz in Barcelona forderte er die internationale Gemeinschaft auf, jährlich zehn Milliarden Dollar zur Aids-Bekämpfung zu geben – dreimal mehr als heutzutage.

Das sei der „nicht verhandelbare“ Minimalbetrag, sagte Piot. Es gehe um bessere Vorbeugung und Therapie, um die Beseitigung des Stigmas Aids und um die Entwicklung eines Impfstoffs. Heute leben weltweit schätzungsweise 40 Millionen Menschen mit dem Aids-Erreger HIV im Körper oder sind bereits aidskrank – 28,5 Millionen von ihnen im südlichen Afrika.

Im letzten Jahr sollen sich fünf Millionen Menschen neu infiziert haben, drei Millionen starben an der Immunschwäche. Nach einer Prognose der Vereinten Nationen werden in den nächsten 20 Jahren 68 Millionen Menschen an Aids sterben, wenn der Kampf gegen die Krankheit nicht verstärkt wird.

Was kann man tun? Während die Krankheit in den reichen Industrienationen wie USA oder Deutschland weitgehend unter Kontrolle ist, wirksame Medikamente zur Verfügung stehen und die Fachleute vor Unkenntnis und neuer Sorglosigkeit in der Bevölkerung mahnen müssen, damit Aids nicht ganz in Vergessenheit gerät, ist das Leiden andernorts zur größten Zukunftsgefahr geworden. In Botswana zum Beispiel sollen 39 Prozent der Erwachsenen infiziert sein. Und in Osteuropa breitet sich der Erreger in den letzten Jahren am schnellsten aus.

Eine wichtige Bastion gegen Aids sind Medikamente. An denen mangelt es gerade dort, wo sie am meisten gebraucht werden: im südlichen Afrika. „Warum bekommen nur 30 000 Afrikaner eine Behandlung mit Anti-Aids-Medikamenten, obwohl hundertmal mehr Menschen die Mittel benötigen?“ fragte Piot in Barcelona.

Die Antwort liegt auf der Hand. Denn die Behandlung mit einer Kombination aus drei Medikamenten ist sehr teuer. Sie kostet hierzulande jährlich rund 10 000 bis 15 000 Euro. Nach einem Rechtsstreit mit der Regierung Südafrikas einigten sich 39 Pharmaunternehmen im April 2001 auf einen Kompromiss: Die Firmen geben die Mittel um 90 Prozent billiger ab, dafür achtet die Regierung ihre Patente.

Aber der Preis für die Arzneien ist damit für die meisten Betroffenen immer noch viel zu hoch. Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ sehen in der mangelhaften Versorgung mit Medikamenten ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, für das die Regierungen reicher wie armer Nationen geradestehen müssten. Als positive Ausnahme gilt Brasilien, das eine Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten sicherstellt, Arzneien selbst herstellt oder zu guten Konditionen einkauft.

Mindestens ebenso wichtig wie die Behandlung ist die Vorbeugung. So senkt das Aidsmittel Nevirapin das Ansteckungsrisiko für Babies infizierter Mütter um 50 Prozent. Aber Südafrika mit seiner zweifelhaften Aids-Politik – Präsident Mbeki glaubt nicht, dass die Immunschwäche von Viren hervorgerufen wird – zögerte viel zu lange, als es um ein umfassendes Schutzprogramm ging.

Doch es gibt inzwischen auch eine Reihe von Ländern mit eher bescheidenem Budget, in denen Anti-Aids-Kampagnen Erfolge haben. Zum Beispiel in Senegal, Thailand, Brasilien und Kambodscha. Im ländlichen Uganda etwa gelang es, die Zahl der Neuinfektionen (Inzidenz) und der Infektionen überhaupt (Prävalenz) in den letzten zehn Jahren deutlich zu senken. Ursache des Rückgangs ist offenbar vor allem die bessere Aufklärung und ein verändertes Sexualverhalten. In Abidjan (Elfenbeinküste) sank die Häufigkeit von Aids bei Prostituierten um Zwei Drittel, weil die Frauen über Aids informiert wurden und mehr Kondome benutzten.

Nach Ansicht von Aids-Experten sollten drei Grundsätze bei der Bekämpfung der Krankheit Vorrang haben: Menschen mit HIV dürfen nicht von der Gemeinschaft ausgeschlossen werden; Vorbeugung und Behandlung dürfen nicht als Gegensätze gesehen werden, sondern müssen sich ergänzen; schließlich muss die Stigmatisierung der Kranken verhindert werden.

Auch für den UN-Aidsexperten Piot steht der Kampf gegen die Ausgrenzung an oberster Stelle: „Es ist möglich, die Krankheit zu besiegen“, sagte er auf dem Aids-Kongress. „Zusammen können wir es schaffen.“

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