Gesundheit : Rhetorik - Der Campus-Wettbewerb: Die Lorbeeren ernten andere

Andrea Behnke

Als er noch für Helmut Schmidt schrieb, hat er so getan, als wenn er selbst Bundeskanzler wäre. Thilo von Trotha ist einer der bekanntesten Redenschreiber - und sicher ist dieses "Rollenspiel" eines seiner Erfolgsrezepte. "Es kann nicht gelingen, dass ein Redenschreiber in alle Menschen, für die er schreibt, hineinkriecht", sagt Thilo von Trotha, Präsident des Verbandes der Redenschreiber. "Die Herausforderung besteht darin, dass man sich in die Rolle, in das Amt, hineinversetzt."

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Der Tagesspiegel-Rhetorikwettbewerb Das tun in Deutschland schätzungsweise 50 000 Menschen - zumindest in einigen Stunden ihrer Arbeitszeit. In der Politik sind es zumeist hauptamtliche Referenten, in Unternehmen übernimmt solche Aufgaben zum Beispiel der persönliche Assistent oder aber jemand aus der Presseabteilung. Und: Der Markt für Freiberuflerinnen und Freiberufler, die Ghostwriting anbieten, wächst.

Einer, der den Sprung in die Selbstständigkeit gemacht hat, ist der Berliner Jens Kegel. Er hat Germanistik, Geschichte und Psychologie für das Lehramt studiert. Während seines Referendariats merkte er, dass der Lehrerberuf nicht das Richtige für ihn ist und schwenkte um auf Public Relations. Schon im Volontariat in einer Agentur gingen ihm die Sätze anderer Menschen sofort "flott von der Feder". Auch später schrieb er immer wieder Reden für den Chef. Gleichzeitig bereitete er die Existenzgründung vor. Da es keine geregelte Ausbildung gibt, ist das wie ein Königsweg in dieses Berufsfeld.

Heute erarbeitet Kegel Reden, Aufsätze und sogar Bücher. Außerdem übernimmt er PR-Aufträge. Jede Art von sprachlicher Routine wäre in Jens Kegels Job fatal. Schließlich erwartet jeder Kunde eine individuelle, einfallsreiche Vorlage. Der 36-Jährige hat sich auf die Wirtschaft spezialisiert. Aber auch das ist ein weites Feld: Mal schreibt er einen technischen Fachartikel, dann eine Biographie, später eine Trauerrede für einen verdienten Mitarbeiter aus der Stahlbranche oder einen Vortrag anlässlich der Eröffnung eines Einkaufszentrums.

Sich immer wieder in neue Themen eindenken, immer wieder in neue Rollen schlüpfen, Lust auf fremde Lebensverhältnisse haben - darauf kommt es an. Als Redenschreiber sollte man auch in der Welt der Kultur und Literatur zu Hause sein, phantasievoll sein und das Spiel mit Worten lieben. Letztlich geht es um mehr als darum, "Fachkenntnisse in Deutsch zu gießen", wie von Trotha sagt. Die Kunst ist es, Gebiete zu verknüpfen und so in ein einzigartiges Licht zu rücken. "Man ist aber nicht nur der Schöngeist, der sich mit Lyrikbändchen und Zitatenschätzen zurückzieht", sagt Jens Kegel. Vielmehr müssen Redenschreiber häufig auch Fakten recherchieren. "Nach jeder Rede ist man klüger." Das ist es, was Thilo von Trotha auch nach weit über 20 Jahren immer wieder aufs Neue fasziniert: die Welt aus vielen, verschiedenen Blickwinkeln zu sehen. Denn was zählt, ist nicht die eigene Sicht der Dinge, sondern die des Redners.

Denn der muss letztlich hinter dem stehen, was er sagt. Schließlich ist es seine Rede. Genau das ist es auch, was man sich ganz klar machen sollte: Immer sind es andere, die die Lorbeeren einstecken. Der Ghostwriter tritt nie in Erscheinung - Diskretion ist das oberste Gebot. Der Redner will natürlich immer und überall so dastehen, als habe er die Rede selbst formuliert.

Jens Kegel sieht das ganz klar: "Ich bin Dienstleister." Seine Aufgabe ist es, dem Redner zu einem professionellen, erfolgreichen Auftritt zu verhelfen. Dazu gehört nicht nur das Schreiben der Rede an sich, sondern auch - im Idealfall - ein Coaching vor dem Termin, Tipps zur Betonung und Ähnliches. "Daher spreche ich auch lieber von Redenberatern als von -schreibern", sagt Thilo von Trotha.

Hat Jens Kegel gut beraten, ist die Rede beim Publikum angekommen, reicht ihm das als Motivation. "Wenn möglich sitze ich im Auditorium und bekomme so hautnah mit, wie meine Arbeit wirkt. Lacht das Publikum und klatscht aus vollem Herzen, ist das mit nichts zu vergleichen."

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