Gesundheit : Rhetorik: Reden lernen

Thomas Veser

Als "Königin der Künste" genoss die Rhetorik im alten Rom einst hohes Ansehen. Mit dem Siegeszug der mathematisch orientierten Wissenschaften verschwand die Rhetorikausbildung an deutschen Lehrstätten bis Ende des 19. Jahrhunderts fast vollständig: Nirgends wurde entschiedener mit der alten Lehrtradition gebrochen als in Deutschland. Erst in den letzten Jahren hielt die Technik der freien Rede, wie sie an englischen Bildungsstätten in Form traditionsreicher Debattierclubs hochgehalten wird, wieder vereinzelt Einzug in deutsche Schulen und Universitäten. Denn sie hat ihren Nutzen.

"Wir kennen in der Schule lediglich kaum strukturierte Diskussionen im Klassenverband, mit mehr als Ja oder Nein ist kaum zu rechnen", kritisierte der Schüler Dennis Ball, der soeben den Rhetorikpreis der Hertiestiftung gewonnen hat, bei der Preisverleihung. Wer indessen die freie Rede übe, "wird allmählich ruhiger und sachlicher, formuliert seine Beiträge logischer und sieht die Dinge wesentlich differenzierter", fügte er hinzu.

Um die "Streitkultur" unter Jugendlichen zu fördern,hatte die Gemeinnützige Hertie-Stiftung (GHS) mit dem Hessischen Kultusministerium und dem Landesinstitut für Pädagogik unter dem Motto "Rhetorik in die Schule - Jugend debattiert" im Frühjahr Frankfurter Lehrern und Schülern im Alter von 16 bis 19 Jahren eine Rhetorikausbildung ermöglicht und dieser Tage einen Debattierwettbewerb ausgerichtet. Die Gewinner erhielen je 1000 Mark und ihre Schulen 5000 Mark.

"Soll in Deutschland ein Gesetz zum Schutz der Landessprache eingeführt werden?" lautete die Frage, an der die vier Finalisten ihre Fähgikeiten beweisen sollen. Die Juroren, darunter Hessens Kultusministerin Karin Wolff, Rhetorikexperten und Journalisten, sprachen dem Gymnasiasten Dennis Ball den ersten Preis zu. Er hatte für den gesetzlich verankerten Schutz plädiert, im Verlauf der Debatte "seine Gedanken logisch entwickelt, dialogtreu argumentiert" und die Anfangsposition relativiert. "Glasklare Formulierungen und ein gekonnter Einsatz der Körpersprache", gepaart mit Impulsivität, so das Urteil der Jury, hatten Sharon Rhode zum zweiten Platz verholfen.

Überraschung hatte der starke Andrang hervorgerufen: Auf 160 ursprünglich geplante Ausbildungsplätze meldeten sich mehr als doppelt so viele Schüler, nicht wenige davon belegen Leistungskurse in den klassischen Sprachen. Und auch die Lehrer der auf Frankfurt beschränkten Schulen nutzten diese Chance. Gymnasien und Berufsschulen hielten sich dabei die Waage. Wenigstens in theoretischer Hinsicht steht in den meisten Bundesländern der Rhetorikförderung im Unterricht nichts im Wege. So sind in den Lehrplänen Möglichkeiten vorgesehen, die Technik der freien Rede zu üben, "allerdings werden sie nicht wahrgenommen", klagt Ralf Langhammer, bei der Stiftung für das Projekt "Jugend debattiert" zuständig.

Vor allem Deutschlehrer schlügen lieber einen Bogen um dieses Thema, "weil sie meinen, diese Technik doch eigentlich beherrschen zu müssen und Blamagen vermeiden wollen", fügt er hinzu. Lehrkräfte, die ihre Schüler rhetorisch fördern, seien nach wie vor ein seltener Glücksfall, zumal diese Fertigkeiten bei ihrer Ausbildung nicht vermittelt würden.

Die traditionelle Rhetorik wieder zum Leben zu erwecken und als Schulfach einzuführen, hält Langhammer allerdings für nicht zeitgemäß. Vielmehr spricht er sich dafür aus, diese Fertigkeiten fächerübergreifend zu fördern. Und dass schon die Jüngsten in diese Form der Auseinandersetzung eingeführt werden sollen, bekräftigte zum Schluss auch Kultusministerin und Mitjurorin Wolff: "Man kann gar nicht früh genug damit anfangen."

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