Gesundheit : Rhetorik-Wettbewerb: Ja zum Hendiadyoin

Anja Kühne

Dröge bleibt dröge, da helfen keine Pillen. Das glaubte Goethe. Ein Redner beeindruckt ein Publikum nicht deshalb, weil er brav allerlei rhetorische Regeln anwendet. Gute Redner sind Genies, die ihre Zuhörer durch ihre ehrliche Begeisterung und suggestive Kraft mitreißen. Deswegen nutzt alles Wortgeklingel wenig: "Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen (...) Sei er kein schellenlauter Tor:/Es trägt Verstand und rechter Sinn/mit wenig Kunst sich selber vor." Lange vor dem Geniekult, in der Antike, glaubte man ebenfalls, ein Mensch werde zum idealen Rhetor geboren: "Eine bewegliche Zunge, eine klangvolle Stimme, eine starke Brust, Leibeskräfte und eine bestimmte Gestaltung des Gesichts" sind nach Cicero die Voraussetzungen für den brillanten Redner. "Und wer meint, das könnte durch Kunst erlangt werden, der irrt."

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Der Tagesspiegel-Rhetorikwettbewerb Müssen also alle resignieren, die von der Natur weder mit genialem Charisma noch mit einer beweglichen Zunge gesegnet sind? Wohl kaum. Ciceros Meinung hängt sicher damit zusammen, dass es damals noch keine Mikrofone gab. Ohnehin war er aber der festen Überzeugung, dass ein kräftiger Körperbau alleine noch keine schwungvollen Ansprachen garantiert, weshalb er ein großes Lehrwerk zur Rhetorik schrieb. Und auch Goethe nutzte allenthalben rhetorische Figuren in seinen Texten.

Übrigens: Die Frage am Anfang des obigen Absatzes war eine rhetorische Frage, eine, "auf die keine Antwort erwartet wird, da sie in Wirklichkeit nur eine Aussage enthält, die zur größeren Eindringlichkeit des Vortrags in Frageform gekleidet" ist, wie im Literaturlexikon steht. Speziell handelt es sich hier um die subiecto, ein fingiertes Frage- und Antwort-Spiel, in dem der Redner Fragen oder Einwände des vorgestellten Gesprächspartners selbst erfindet, um sie auch selbst zu beantworten oder zu widerlegen. Die rhetorische Frage gehört zu den am häufigsten verwendeten Redefiguren der antiken Rhetorik: "Wie lange noch, Catilina, willst du unsere Geduld erschöpfen?" (Cicero).

Dem antiken Rhetor ging es vor allem darum, die Gemüter zu bewegen (movere). Deshalb wurde die Rhetorik schon damals als manipulativ oder agitatorisch kritisiert. Dieser Vorwurf ist aber nur zum Teil berechtigt. Die Rhetorik verdankte ihren ersten Aufschwung in der Antike der Demokratie. Dort, wo die Tyrannenherrschaft abgeschafft wurde, kamen Volksgerichte auf, bei denen Bürger ihre an der Macht beteiligten Mitbürger zu überzeugen hatten. Bald war die Rhetorik, die Wissenschaft von der Redekunst, Teil der antiken Allgemeinbildung. Viele rhetorische Mittel, die der berühmteste römische Rhetoriklehrer Quintilian (etwa 35 bis um 100 nach Christus) systematisierte, kommen noch heute in Reden oder in der Werbung vor. Werfen wir also einen Blick in die Werkstatt des antiken Rhetors.

Welche der vielen Figuren Redner wählen sollen, hängt nach Auffassung der antiken Experten entscheidend vom Publikum ab. Ist es vielleicht feindselig oder desinteressiert? Dann bedarf es zuerst der captatio benevolentiae, dem Erlangen des Wohlwollens. Quintilian empfahl dazu Devotionsformeln: Der Sprecher tritt extrem bescheiden auf und gibt kleine Schwächen zu (humilitas).

Sympathien bei den Zuhörern gewinnt fast immer, wer gleich am Anfang Kürze (brevitas) verspricht oder einen gelungenen Scherz macht. Träge Gemüter können aufgrüttelt werden, wenn der Redner ihnen klar machen kann, wie wichtig die verhandelte Sache für sie ist (tua res agitur): "Nur die tiefe Sorge hat mich dazu bewegt, das Wort zu ergreifen ...". Spricht man vor einem Publikum, das für den Gegner eingenommen ist, empfiehlt sich ein Scheinzugeständnis, das man dann natürlich sofort mit der "zwar-aber"-Formel einschränkt. Um den Kontakt zu den Adressaten nicht abreißen zu lassen, kann der Redner Anrufe einstreuen: "Das, liebes Brautpaar, freut uns besonders!" Solche Anrufe können sich auch zu dramatischen Appellen steigern. Sympathien gewinnt auch, wer die letzte Entscheidung über einen Streitpunkt scheinbar dem Zuhörer überlässt. Dieser fühlt sich dann in seinem Bedürfnis nach Selbstständigkeit geschmeichelt, und der Redner zeigt gleichzeitig, wie sicher er sich seiner Sache ist.

Um seinen Standpunkt wirkungsvoll zu veranschaulichen, kann der Redner ihn in allen Details ausmalen. Die Anstifter zur französischen Revolution sprachen nicht von "Unterdrückern", sondern von "despotischen Ungeheuern", die ihre "Bajonette auf Eure Kinder und Frauen richteten". Besonders Eindruck schindet, wer Beweismittel vorzeigen kann: einen blutigen Dolch, ein misshandeltes Opfer. Abtreibungsgegner treten beispielsweise gerne mit abgetriebenen Embryos vor die Kameras. Weniger drastisch und dennoch effektiv ist es, ein Beispiel (exemplum) zu geben, um seine These zu beweisen. Um die eigene Meinung zu untermauern, kann man auch Aussprüche von Autoritäten zitieren. Für die Streitrede sind solche Sentenzen jedoch wenig geeignet: Fast jedes Zitat lässt sich mit einem Gegenzitat beantworten.

Beliebt, um bestimmte Aussagen zu gewichten, sind die rhetorischen Figuren der Wiederholung. Die Doppelung (geminatio) wirkt pathetisch: "Niemals, niemals würde ich ..." Im Refrain wird ein Ausdruck oder ein ganzer Satz in Abständen wiederholt: "doch Brutus sagt, dass er voll Herrschsucht war, und Brutus ist ein ehrenwerter Mann", wiederholt Antonius in Shakespeares "Julius Cäsar". Dadurch kann ein ironischer Effekt entstehen: Der Zuhörer genießt sein Vorauswissen, wartet auf die Wiederkehr des Motivs und macht sich dadurch unbewusst zum Komplizen des Autors. Besondere Aufmerksamkeit erregt das Hendiadyoin (griechisch: "eins durch zwei"). Anstatt ein Substantiv mit einem Adjektiv zu kombinieren ("natürliche Scham"), verwendet der Sprecher zwei nebeineinander gestellte Substantive ("Natur und Scham").

Die Rhetorik kennt noch eine Fülle anderer Figuren. Die alten Oratoren warnten aber vor allzu viel Sprachprunk und Schwulst: "Wie beim Körper, so sind im Sprachlichen gedunsene und künstliche Schwellungen hässlich und führen zweifellos zu ihrem Gegenteil. Nichts, ist dürrer als ein Mann mit Wassersucht", wie ein anonymer antiker Rhetor schrieb. Auch war für die damaligen Experten klar, dass die Rhetorikschüler ihre Vorbilder nicht bloß kopieren sollen: "Es ist geradezu schimpflich, sich nur mit dem Nachahmen zu begnügen. Denn wo wären wir heute, wenn niemand mehr zustande gebracht hätte als seine Vorgänger!", schrieb Quintilian. Das Wichtigste beim Reden bleibt also die Originalität. Und deshalb ist hier Schluss - denn an den Schluss (epilogos) stellt der Redner, was sich die Hörer besonders gut merken sollen!

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