Gesundheit : Rhythmus des Jahres

Wozu Menschen Feste brauchen – und warum Ostern ins Hintertreffen geriet

Elke Kimmel

Feste und Ruhetage geben dem Jahr seinen Rhythmus. Sie unterbrechen das Einerlei des Alltags, geben der Zeit eine Struktur. Nicht nur der Einzelne, die ganze Gesellschaft wird an Feiertagen gezwungen, innezuhalten. Seit Menschengedenken gibt es dazu offizielle Vorgaben. So schrieben die römischen Herrscher ihre Geburtstage oder erfolgreich beendete Schlachten als Feiertage vor. Ob das Volk sich danach richtete, hing aber davon ab, wie viel sich die Herren die Feier kosten ließen: In Rom wurden nur diejenigen Feste populär, zu denen es Brot und Spiele gab. Andere Feiertage konnten sich nur für die Dauer einer Regierungszeit behaupten und wurden von den Nachfolgern gestrichen. Sicherer war es, gleichzeitig einen Tempel zu stiften – oder ein bereits etabliertes Fest zu eigenen Gunsten umzuwidmen.

Auch heute müssen Feste zum Geist der Gesellschaft passen. Eine konsumorientierte Gemeinschaft braucht die entsprechenden Feiern, meint Jörg Rüpke, Religionswissenschaftler und Autor des Buches „Zeit und Fest“. So ist Ostern für das Christentum eigentlich das bedeutendste Fest. Am Karfreitag opfert Gott seinen Sohn für die sündenbeladene Menschheit am Kreuz und erlöst sie so von ihrer tiefen Schuld. Zwei Tage später kommt es zu einem Wunder, das in der Menschheit die größten Hoffnungen weckt: der Überwindung des Todes mit der Auferstehung Jesu Christi. Trotzdem hat Weihnachten dem Osterfest auch aus Sicht der meisten Christen längst den Rang abgelaufen, sagt Rüpke. Das Geschenkefest passe nun einmal am besten zum konsumorientierten Geist der Gesellschaft.

Feiertage unterlagen allerdings schon immer der Gefahr der Erosion. Als mit der Einführung des julianischen Kalenders in Rom ein verbindlicher Ablauf von Arbeits- und Ruhetagen vorgegeben wurde, war dieser sogleich umstritten. Denn an Feiertagen war Arbeit teilweise streng verboten, da die verordneten Gottesdienste uneingeschränkte Aufmerksamkeit verlangten. Als Kompromiss verzichtete man schließlich darauf, hohe Feiertage in die Erntezeit zu legen und schuf vor allem für Landwirte Ausnahmeregelungen. Allerdings legte der Kalender auch „gute“ und „schlechte“ Tage fest: An „schlechten“ Tagen, die den offiziellen Feiertagen stets folgten, durften keine privaten Feste stattfinden. Niemand sollte sich durch Vorbereitungen für ein ausschweifendes privates Hochzeitsgelage von der Teilnahme an einem verbindlichen Volksfest ablenken lassen, zumal sich die Macht eines Kaisers auch an der Zahl seiner Gäste messen ließ. Heute gilt im Umkehrschluss: Mit der schwindenden Zahl der Gottesdienstbesucher verliert die Sonntagsruhe immer stärker an Verbindlichkeit.

Die Feiertage im alten Rom sorgten vor allem dafür, dass die Bürger ihre Herrscher nicht vergaßen. Im Bemühen, gegenseitige Abstimmung zu ermöglichen, erfand man den Kalender. Schwierig blieb die Koordinierung aber weiterhin, wenn Menschen mit verschiedenen Kalendersystemen aufeinander trafen. In Mitteleuropa wurde eine solche Ungleichzeitigkeit das letzte Mal durch die gregorianische Kalenderreform von 1582 verursacht: Papst Gregor verzichtete machtbewusst auf eine einvernehmliche Lösung mit den Protestanten, um seinen universalen Herrschaftsanspruch zu unterstreichen. Bis ins Jahr 1700 hinein machte die zehntägige Abweichung zwischen altem und neuem System vor allem den Deutschen in ihrem kleinteiligen Reich zu schaffen.

Wie mächtig aber für alle in Handel und Wirtschaft Tätigen praktische Zwänge waren und wie bedeutend Westeuropa für die Weltwirtschaft war, zeigt sich später darin, dass Japan im Winter 1872/73 die gleiche Zeitrechnung übernahm. Da das ablaufende Jahr nach neuer Zeitrechnung fast einen Monat kürzer ausfiel, sparte Japan die Beamtengehälter dieses Zeitraums ein und sanierte dadurch den maroden Staatshaushalt.

Möglicherweise naht aus ähnlichen Gründen bald wieder eine Kalenderreform. Eike Wenzel vom Frankfurter Zukunftsinstitut erkennt einen akuten Bedarf, die Zeit neu zu regeln. „Die Menschen verlangen nach Dauer, nach längeren Zeiteinheiten“, sagt er, „und da wäre die Zehn-Tage-Woche eine echte Hilfe.“

Jörg Rüpke, Zeit und Fest. Eine Kulturgeschichte des Kalenders, Verlag C. H. Beck, München 2006, 256 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 22,90 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar