Gesundheit : Rhythmus und Leistung: Ticken die deutschen Olympioniken falsch?

Manuela Röver

Was ist los mit den deutschen Athleten in Sydney? Die Enttäuschung ist groß: Die ersehnten Medaillen der Fechter, Schwimmer und Schützen blieben aus. Nicht nur Zuschauer und Besucher der Olympiade, sondern auch die olympischen Hoffnungsträger selber sind deprimiert über den Verlauf der Wettkämpfe. Die Leistungsfähigkeit der Sportler entspricht vielfach nicht den Erwartungen von Trainern und Athleten. Ticken die inneren Uhren der Sportler vielleicht nicht richtig?

Ein Flug von Deutschland nach Australien entspricht beinah einem kleinen Zeitsprung: Neun Stunden Zeitverschiebung und zwei Jahreszeiten zurück. Während in Deutschland gerade noch Sommer herrscht, leben die Australier im Spätwinter. "So ein transäquatorialer Flug in Ost-West Richtung ist ein großer Stress", erklärt Christian Bartsch vom Medizin-Naturwissenschaftlichen Forschungszentrum an der Universität Tübingen. Ein solcher Flug kann die innere Uhr der Reisenden durcheinander bringen.

Christian Bartsch ist ein Chronobiologe, der sich mit den Rhythmen im Organismus beschäftigt. Der tägliche Rhythmus eines jeden Menschen ist geprägt von Schlafen und Wachen. Ein bekanntes Beispiel für die Tagesrhythmik liefert die Körpertemperatur; sie steigt bereits vor dem Aufwachen an. Andere Rhythmen werden durch tageszeitlich schwankende Hormonmengen im Blut auf den Körper übertragen. Cortisol etwa ist ein Stresshormon, dass morgens verstärkt im menschlichen Körper ausgeschüttet wird.

Nach Langstreckenflügen geraten die inneren Rhythmen durcheinander. Dieses Phänomen wird als Jet-Lag bezeichnet. "Wenn sich in Folge eines Jet-Lag beispielsweise der Cortisol-Rhythmus verschiebt und Sie zur falschen Zeit ein Minimum haben, kann sich das auf Ihre Leistungsfähigkeit auswirken", erklärt Christian Bartsch.

Neben der biologischen Tagesuhr gerät bei einem Flug nach Australien vermutlich auch die innere Jahresuhr aus dem Tritt. In Tierversuchen konnten die Chronobiologen saisonale Effekte im Säugerorganismus messen. Tiere, die unter immergleichen Laborbedingungen gehalten werden - zwölf Stunden Licht und zwölf Stunden Dunkelheit - haben trotz der gleichbleibenden Lichtverhältnisse eine je nach Jahreszeit veränderte Steuerung des Organismus. Der Melatoninspiegel der Tiere schwankte in Abhängigkeit von der Jahreszeit. "Es handelt sich hier um einen inneren Jahresrhythmus, der auf eine bisher unbekannte Wahrnehmung zurückzuführen sein muss", interpretiert Bartsch die beobachteten Effekte.

Auch im Körper des Menschen konnten Wissenschaftler eine jährliche Rhythmik dieses Hormons messen. Melatonin besitzt unter anderem schlaffördernde Eigenschaften und wird im Winter über einen längeren Zeitraum produziert und ins Blut abgegeben als im Sommer. Bei einem transäquatorialen Flug mit einem Wechsel in eine andere Jahreszeit könnte daher nicht nur der Tagesrhythmus, sondern auch ein endogener Jahresrhythmus im menschlichen Körper durcheinander geraten. "Bis sich nach einem solchen Flug die Rhythmen wieder eingestellt haben, kann das ein bis zwei Wochen dauern, eventuell aber auch ein bis zwei Monate", meint Christian Bartsch.

Die meisten deutschen Athleten sind erst kurz vor ihrem Einsatz nach Sydney geflogen. Sind die schlechten Ergebnisse der Sportler dann vielleicht eine Folge falsch tickender biologischer Uhren in Folge des Jet-Lag? "Das kann man so einfach auf keinen Fall sagen. Wir wissen noch viel zu wenig über diese inneren Rhythmen, da ist noch viel Spekulation", winkt der Chronobiologe Bartsch ab. Seiner Meinung nach kann die verringerte Leistungsfähigkeit der deutschen Sportler auch Zufall sein. "Man müsste das mit den Ergebnissen andere europäischer Teilnehmer vergleichen. Außerdem sollten wir jetzt unsere Leute da unten nicht verrückt machen. Aber wenn Olympia vorbei ist, würde es sich schon lohnen, dieser Frage mal nachzugehen."

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