Gesundheit : Richard Löwenthal: Jenseits der Ideologien

Oliver Schmidt

In seinen Erinnerungen beschreibt Golo Mann ein Treffen der "Sozialistischen Studentengruppe" in Heidelberg Anfang der dreißiger Jahre. Dort habe der junge Doktorand Richard Löwenthal voller Entzücken einen Abschnitt aus Brechts Badener "Lehrstück vom Einverständnis" vorgetragen: "Habt ihr die Welt verbessert, so/Verbessert die verbesserte Welt./Gebt sie auf." Das Entzücken in der Stimme des knapp 22-Jährigen kam nicht von ungefähr.

Löwenthal, der heute vor zehn Jahren in Berlin starb, gehörte wie Arthur Koestler oder Manés Sperber zu den frühen Anhängern des sowjetischen Kommunismus. Dabei hatte der 1908 in einem jüdisch-assimilierten Elternhaus Geborene wenig Veranlassung, sich mit den revolutionären Zielen der Arbeiterbewegung zu solidarisieren; das gutbürgerliche Charlottenburg war zumindest in der Sozialstruktur meilenweit entfernt vom "roten Wedding". Doch wie wird man Marxist, wenn das gesellschaftliche Sein nicht das Bewusstsein prägt? Löwenthal besuchte das Gymnasium, später die Universität. Er las vom "Schwarzen Freitag" und von Schweineherden, die verbrannt wurden, um die Fleischpreise zu stützen, während anderswo Menschen hungern. Vor diesen Schlagzeilen träumte es sich leicht von einer gerechteren Welt im Osten, wo seit 1917 alles scheinbar besser lief.

Niemand hat dieses Gefühl besser beschrieben als Arthur Koestler in seinen Memoiren. Eine intellektuelle Unterfütterung dieses Romantizismus brachten Löwenthal die Jahre an den Universitäten Berlin und Heidelberg, wo sich der Student und spätere Doktorand zu einem Kenner der marxistischen Theorie weiterbildete. Aber seine Kritik an der kommunistischen Sozialfaschismustheorie Ende der zwanziger Jahre führte zum Ausschluss aus der KPD und über Umwege zu einer linkssozialistischen Splittergruppe, die für die Einheit der Arbeiterbewegung eintrat. Löwenthals Emigrantenlaufbahn begann 1935 in Prag, führte über Paris nach London, wo er sich als Journalist während des Krieges einen Namen machte. Und hier lernte er eine funktionierende parlamentarische Demokratie kennen, in der Politik nicht als Kampf zwischen richtig und falsch verstanden wurde, sondern als Prozess zur Kompromissbildung.

Sein bisheriges Leitbild Sowjetunion verblasste, die Moskauer Prozesse Mitte der dreißiger Jahre und der Pakt Stalins mit Hitler-Deutschland wirkten als Trauma lebenslang nach. Kurz nach Kriegsende erschien Löwenthals Buch "Jenseits des Kapitalismus" unter dem Pseudonym Paul Sering. Neben einem dirigistischen Wirtschaftssystem forderte er darin den europäischen Zusammenschluss, um sich zwischen den beiden Machtblöcken in Ost und West zu behaupten.

Damit sprach er aus, was die meisten der zurückgekehrten Sozialisten und Sozialdemokraten dachten. Der gerade aus dem Krieg kommende Wehrmachtsoffizier Helmut Schmidt gehörte ebenso zu seinen begeisterten Lesern wie Willy Brandt, Ernst Reuter oder Carlo Schmid. Fortan blieb er ein Verfechter der Westbindung Deutschlands, denn nur sie könne vor dem Machtstreben der Sowjetunion Schutz bieten.

Dass der Analytiker, der 1961 aus Großbritannien zurückkehrte, um an der Berliner Freien Universität einen Lehrstuhl für Politikwissenschaft zu übernehmen, mit dem Neomarxismus der Studentenrevolte wenig anfangen konnte, vermag kaum zu wundern. Längst war sein jugendlicher Aufbruch verjährt. Als etablierter Hochschullehrer warnte er vor dem "romantischen Rückfall" in den Marxismus und vor einem Aufgeben der sicheren westlichen Allianz. Seine Studenten fragten indes, wo der überzeugte Marxist geblieben sei. "Sehr geehrter Paul Sering", mit dieser Anrede begann Rudi Dutschke seine Briefe an den bewunderten und zugleich kritisierten Professor.

Von persönlichen Erfahrungen geprägt

Nur zögernd konnte sich Löwenthal mit dem Gedanken einer weniger starren Haltung gegenüber dem Ostblock anfreunden. Zu tief saßen die persönlichen Erfahrungen mit dem Sowjetkommunismus. "Wo Stalin hintritt, wächst kein Gras mehr." Diese Äußerung gegenüber dem Literaturwissenschaftler Hans Mayer blieb für Löwenthal maßgeblich im Umgang mit der Sowjetunion auch nach dem Tode des Diktators.

Aus dem jugendlichen Gesinnungsethiker war ein Schüler Poppers geworden, dem die kleinen Schritte auf dem Weg der politischen Veränderung lieber waren als der allumfassende ideologische Wurf. In diesem Sinne sah er die Hochschulen bedroht durch "Feinde unseres demokratischen Staates" und warnte vor dem zunehmenden Einfluss neomarxistischer Gruppen an den Universitäten. Aus dieser Haltung resultierte sein kritischer Dialog mit dem Freund aus Emigrantentagen Willy Brandt, als dessen außenpolitischer Berater Löwenthal viele Jahre tätig war. Wie weit sollte sich die SPD neuen jugendlichen Gruppen öffnen, die weiter links standen als die Regierungspartei? Löwenthal warnte seinen Parteivorsitzenden vor einer Vernachlässigung der traditionellen sozialdemokratischen Wählerschichten.

Ob Hochschulkrise, europäischer Einigungsprozess oder die künftige Entwicklung der Parteienlandschaft: Als einer der bedeutendsten Politologen der Freien Universität Berlin sind heute viele der Analysen Löwenthals immer noch aktuell. Als 1989 die Berliner Mauer fiel und die beiden deutschen Staaten zusammenwuchsen, war der emeritierte Hochschullehrer bereits schwer erkrankt. Die kurzzeitig aufflammende Euphorie über das nahende "Ende der Geschichte", hätte der Realpolitiker sicher mit einem Kopfschütteln kommentiert.

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