Gesundheit : Richtige Schulreform, aber wie?

Uwe Schlicht

Politiker wünschen sich gute Schulen und Hochschulen. Von Zeit zu Zeit verfallen sie in einen Aktionismus, der Ähnlichkeiten mit dem Wunschzettel von kleinen Kindern an den Weihnachtsmann hat. Wenn man alles zusammenzählt, was Schule heute leisten soll, dann wird das deutlich: Es muss schneller gehen als bisher, und das mit mehr Inhalten. Das Abitur nach 12 Jahren fordern CDU, FDP und SPD. Im Jahr der Sprachen häufen sich die Ankündigungen: erste Fremdsprache in der dritten und zweite Fremdsprache von der fünften Klasse an. Ein neues Fach Wirtschaft ist in die Debatte eingebracht worden. Die Arbeitgeber fordern wegen des Nachwuchsmangels bei den Ingenieuren und Computerspezialisten: Mindestens zwei Naturwissenschaften müssen durchgehend bis zum Abitur belegt werden. Und die Politiker suchen in Zeiten des Rechtsradikalismus und Terrorismus nach Werten, um die Jugendlichen zu stabilisieren. Die Vorbereitung auf die Demokratie darf auch nicht zu kurz kommen.

Wenn man das alles will, wird Schule zum Ganztagsbetrieb. Statt der Entrümpelung der Lehrpläne wird immer mehr draufgepackt. Dabei wäre weniger mehr. Aber Politiker wollen ihren Wählern Erfolge vorweisen und denken an neue Hebel in der Organisation. Entweder verwechseln sie Organisation mit Inhalten oder sie treibt die Hoffnung um, dass Reformen automatisch besseren Unterricht bewirken.

Das war schon vor 30 Jahren so. Damals wurde der große Aufbruch im Zeichen der Bildungsexpansison mit Formeln vom Bürgerrecht auf Bildung und mehr Chancengleichheit verkauft. Nachdem die Allgemeinbildung zur Illusion der Väter und Großväter erklärt worden war, hielt das exemplarische Lernen als neues Wundermittel Einzug. Statt der Lektüre eines ganzen Buches kam die Aufbereitung weniger Höhepunkte durch das Kopiergerät in Mode. Über den Massen vergaß man die Elite.

Heute wollen die Politiker die Massenausbildung mit der Eliteförderung verbinden. Sie rufen nach neuer Qualität und gleichzeitig sparen sie in Schulen und Hochschulen, wo sie nur können. Dafür bieten sie als Ersatz mehr Selbstständigkeit für die einzelnen Schulen, Teilautonomie bei der Verwaltung des Geldes und bei der passgenauen Einstellung der Lehrer an. Wenn sich der Staat aus der Einzelsteuerung der Schulen zurückzieht, erwartet er auf der anderen Seite regelmäßig Rechenschaft. Aber es gibt bisher keine Beweise, dass die neuen Hebel den Unterricht verbessert haben. Das ist die zentrale Aussage auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Bildungsverwaltung in Hamburg - einer Vereinigung von Schulleitern, Schulräten, Ministerialbeamten und Erziehungswissenschaftlern. Der ehemalige hessische Kultusminister Hartmut Holzapfel brachte es auf den Punkt: Einen besseren Unterricht und eine wirkungsvolle Erziehung "haben diese organisatorischen Ansätze noch nicht erreicht".

Hartmut Holzapfel, räumte ein, dass die Bewertung der neuen Reformansätze sehr unterschiedlich ausfällt. "Viele Schulen nehmen sie als eine andere Form der Mängelverwaltung wahr, andere als eine Reaktion des Staates auf die Ineffizienz seiner eigenen Verwaltung. Und wieder andere sehen hier den Beginn des Rückzug des Staates aus der öffentlichen Verantwortung für die Schulen." Trotz dieser Vorbehalte könne aber nach Jahren der Erprobung gesagt werden: Schulen, die sich der neuen Instrumente bedienten, hätten inzwischen Erfolgserlebnisse. In diesen Schulen wachse auch der Mut, über die Grenzen hinauszugehen.

Holzapfel forderte dazu auf, den Schulen den Charakter einer unselbstständigen Anstalt zu nehmen und ihnen die Rechtsform einer juristischen Person einzuräumen. Hinter diesen juristischen Begriffen verbirgt sich eine ganze Welt von Freiheiten. Dann würden die staatlichen Schulen nicht mehr einer engen Fachaufsicht durch die Behörden unterliegen, sondern einer großzügigeren Aufsicht wie die Privatschulen. Schulen werden damit zwar keine Körperschaften mit umfassender Autonomie wie die Hochschulen. Aber eine Schule, die als juristische Person mehr Eigenständigkeit bekommt, kann ganz anders gestalten: Sie sollte ihre große Schulkonferenz, in der Lehrer, Schüler und Eltern mitwirken, in einen Verwaltungsrat erweitern, in dem örtliche Vertreter der Wirtschaft, der Kommune und der Vereine einbezogen sind. Eine so gestaltete Schule könne dann das vom Staat vorgegebene Kerncurriculum den örtlichen Bedürfnissen anpassen. Damit bekäme das eigene Schulprofil ein Gesicht.

Es gibt positive Beispiele. Landesschulrat Peter Daschner aus Hamburg berichtet: Die Schulen in der Hansestadt seien schon längst zu Motoren ihrer eigenen Entwicklung geworden. Die Senatsbehörde habe erkannt, das sie die Schulwirklichkeit nicht steuern kann. Seit zehn Jahren experimentieren die Schulen in Hamburg erfolgreich mit mehr Eigenständigkeit und Verantwortlichkeit für das Budget, das Personal und Anreizen für Eigenbeiträge zum Curriculum. Im Herbst des vergangenen Jahres haben 430 Hamburger Schulen ihre individuellen Schulprogramme vorgelegt und genehmigt bekommen. Da ist für den Landesschulrat ein Beweis, dass das Angebot zu mehr Selbstständigkeit angenommen wird. "Die eingeschlagenen Wege brauchen einen langen Atem, aber es gibt zu ihnen keine Alternative", lautet sein Credo.

Was bleibt dann als Kernbereich des Staates übrig? Nach wie vor die Sorge um gleiche Bildungschancen für alle und um die Vergleichbarkeit der Abschlüsse. Deswegen erteilt Hartmut Holzapfel auch Ideen eine scharfe Absage, die Schulen nach einem Wettbewerb in eine Rangfolge der Besten zu bringen. In Hamburg wünschen die FDP und die Wirtschaft ein solches Schulranking. Holzapfel nimmt diese Idee Punkt für Punkt auseinander: Dann würden öffentliche Schulen mit Privatschulen verglichen - öffentliche Schulen, die jeden Schüler aufnehmen müssen, egal ob er aus gestörten Familien, aus Ausländerfamilien, die zu Hause kaum Deutsch sprechen, aus dem Milieu von Sozialhilfeempfängern kommt, während Privatschulen sich auf eine ausgesuchte Schülerpopulation konzentrieren dürfen, um möglichst die Leistungen zu erreichen, die die Schulgeld zahlenden Eltern von ihnen erwarten. "Eine Schule, der es gelingt, sich die leistungsschwächeren Schüler vom Leibe zu halten, schneidet dann besser ab." Holzapfel kann sich einen Wettbewerb nur dann vorstellen, "wenn man vergleichbare Schulen vergleicht und dann fragt, warum die eine Schule zu besseren und die andere zu schlechteren Ergebnissen kommt".

Und wie kommen die Schulen dennoch zu besserem Unterricht? Hartmut Holzapfel kommentiert: "Wenn wir heute ein Kerncurriculum definieren wollen, dann müssen wir uns auf das konzentrieren, was wichtig ist und nicht immer Neues oben drauf packen. Aber keiner sagt uns, worauf wir verzichten sollen." Das Kerncurriculum dürfe man nicht den Fachlehrern überlassen und man sollte sich auch nicht vor der anschließenden Kritik scheuen, Unentbehrliches für die Bildung sei weggelassen worden. Dieses Kerncurriculum müsse ergänzt werden durch die Bildungsinhalte, die für eine bestimmte Region, für das lokale Schulprofil richtig seien. Damit rechtfertigt Holzapfel den neuen Ansatz der Dezentralisierung und Autonomie als erfolgversprechenden Weg zur wahren Schulreform .

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