Gesundheit : Richtiges getan mit schlechtem Gewissen

Uwe Schlicht

Am 14. November des Jahres 1990 empfing der Wissenschaftsrat im Berliner Reichstag zum ersten Mal eine Delegation aus einer fremden Welt: aus der DDR. Bis dahin hatte der Wissenschaftsrat beim Blick aus den Fenstern des Reichstags diese andere Welt nur als Betonmauer, bewehrt mit Stacheldraht und Wachttürmen, wahrgenommen. Es gab ein gewisses Unbehagen darüber, dass nun die DRR-Wissenschaft möglichst schnell integriert werden sollte, bevor der Ausverkauf der besten Köpfe in andere Länder vollzogen werden konnte. Doch dieses Unbehagen "verging sehr schnell".

Beim ersten Besuch des Wissenschaftsrats in Forschungsinstituten auf der anderen Seite der Mauer fühlten sich die Westdeutschen angesichts der veralteten Labors in ein Wissenschaftsmuseum versetzt. Ganze Laboratorien machten mit ihren Vorhängeschlössern an den Türen und den Siegellackspuren den Eindruck, dass es sich um "weggeschlossene Forschung" handelte. Gerhard Neuweiler schilderte dieses Erlebnis auf einer gemeinsamen Tagung von Wissenschaftsrat, Volkswagenstiftung und Stifterverband.

Neuweiler, Naturwissenschaftler aus München, zeigte sich erleichtert, dass der Eingliederungsprozess der DDR-Wissenschaft rasch vollzogen wurde - bis auf die verbleibenden Akademiewissenschaftler aus dem Integrationsprogramm (Wipianer). Er zog eine positive Bilanz: Für die Naturwissenschaften sei diese Eingliederung geglü ckt.

Bald erkannten die westlichen Wissenschaftler, welche Folgen die Abschottung ihrer östlichen Kollegen hatte: Die DDR-Forschung musste sich an der Entwicklung der Kombinate orientieren und damit an den Interessen der Planwirtschaft. Dennoch legten die Wissenschaftler aus der Bundesrepublik, aus Österreich, der Schweiz und dem westlichen Ausland, die der Wissenschaftsrat zur Mitarbeit bei der Evaluation der Forschungsinstitute in der DDR gewonnen hatte, an eine solche DDR- bezogene Kombinatsforschung internationale Maßstäbe an. Sonst wären sie Gefahr gelaufen, dass bereits fünf Jahre später ganze Arbeitsgruppen oder die neu gegründeten Forschungsinstitute wieder hätten geschlossen werden müssen. Von den 35 000 Beschäftigten der DDR-Akademien konnten nur 12000 in außeruniversitäre Forschungseinrichtungen übernommen werden - die meisten in neue Institute der Blauen Liste.

Sind die Westdeutschen, wegen des menschlichen Leides, das sie DDR-Wissenschaftlern zufügen mussten, schuldig geworden? Der heutige Präsident der Universität Marburg, der Mediziner Horst Franz Kern, leitete damals die wissenschaftliche Kommission des Wissenschaftsrats, und er bekennt sich zur Schuld. Der Wissenschaftsrat wollte damals zur Evaluation der DDR-Kollegen nur Wissenschaftler mit internationalem Renommee einsetzen und entsprechend hoch wurden die Maßstäbe gelegt. Im Osten sollte die klinische Forschung beim Neuaufbau besser gelingen als in Westdeutschland. Dieser Neuaufbau ist gelungen, wenn man heute an die Spitzenstellung von Berlin-Buch und Jena in der Genomforschung denkt. Gerade in Berlin-Buch wurde die Einheit von Grundlagenforschung und medizinischer Anwendung wiederbelebt: "Wenn wir Empfehlungen für die Zukunft abgeben wollten, musste der Wissenschaftsrat schuldig werden. Eine Eins-zu-eins-Überführung war nicht finanzierbar. Je mehr wir auf Internationalität achteten, um so mehr mussten wir uns an einer ganzen Generation von Wissenschaftlern versündigen", sagt Professor Kern.

Der Konstanzer Philosophieprofessor Jürgen Mittelstraß, ebenfalls lange Zeit im Wissenschaftsrat tätig und nach der Wende Vorsitzender der Hochschulstrukturkommission zur Neuordung der Berliner Hochschullandschaft, sprach den Wunsch aus, dass "wir gemeinsam noch einmal durch die Bücher gehen und gut zu machen versuchen, was damals an persönlichem Unrecht geschah". Mittelstraß pries den Wissenschaftsrat, aber für die Hochschulstrukturkommissionen, die anschließend in den einzelnen Ländern eingesetzt wurden, fand er nicht nur lobende Worte. Sie begannen ein Eigenleben, wenn sie dem jeweiligen Länderauftrag folgten. Schließlich musste der Neuaufbau der Forschungs- sowie der Hochschullandschaft nach dem Ende des Zentralstaates DDR in den Ländern organisiert und finanziert werden. "Jedes Land ging eigene Wege" - entweder unter politischen oder wissenschaftlichen Vorzeichen. "Sternstunden wie die Wiedervereinigung sind selten." Der Wissenschaftsrat und die Strukturkommissionen "liefen auseinander" - so lautete sein Resümee.

Die Stimmen aus dem Westen waren zwiespältig: Auf der einen Seite voll der Anerkennung über das Geschaffene, aber nicht frei von einem schlechten Gewissen. Die Wissenschaftler aus dem Osten setzten die Akzente etwas anders. Jens Reich, Molekularbiologe, nannte Zahlen: Im Bereich der biologisch-medizinischen Forschung wurden von 5700 Mitarbeitern 2300 übernommen. Die Härten entstanden dann, wenn die Kriterien fair nach internationalen Grundsätzen gehandhabt wurden. Den DDR-Wissenschaftlern fehlte aber besonders der internationale Erfolg, weil sie nicht auf englisch publiziert hatten oder es auch gar nicht konnten und russische Veröffentlichungen kaum zur Kenntnis genommen wurden. Dass es heute in der Biomedizin neun Sonderforschungsbereiche im Osten Deutschlands gibt und sechs Max Planck-Institute sich dieser Thematik widmen, bewertet Jens Reich als Beweis für den Erfolg im Osten. Andererseits "kommt der selbsttragende Aufschwung nicht zustande. Das hat mit dem Zusammenbruch der Industrie zu tun."

Gerhard Maess, Mathematiker und ein Reformer der ersten Stunde, war von 1990 bis 1998 Rektor der Unversität Rostock. Er schilderte die Stimmung der Wendezeit gleich nach dem 9. November 1989 so: "Wir wollten die Universität umkrempeln, wollten vermeiden, dass es zur politischen Einflussnahme unter umgekehrten Vorzeichen kommen würde." Die Reformer in Rostock träumten davon, alle Leitungsstellen nur auf Zeit zu vergeben, den Beamtenstatus für Professoren abzuschaffen. Sie experimentierten mit einer modifizierten Drittelparität im Akademischen Senat, einem im Westen inzwischen ü berholten Modell der erweiterten Mitbestimmung der Studenten, Assistenten und technischen Mitarbeiter. "Wir haben es als demütigend empfunden, dass unsere Reformbemühungen nicht akzeptiert wurden und man uns das westliche System ü berstülpte." Kaum war das neue Land Mecklenburg-Vorpommern gebildet worden, sei beim ersten Anruf von der Landesregierung gleich gefragt worden: "In welcher Partei ist denn der Rektor? Da bin ich fast umgefallen", berichtet Maess.

Die Bilanz in Rostock: Von 540 Professoren- und Dozentenstellen blieben 330 übrig, nur 70 Professoren wurden übernommen. "Für die Institution war diese Erneuerung fantastisch, für die Betroffenen eine Katastrophe", konstatiert der ehemalige Rektor.

Maess erinnerte an einige positive Erscheinungen in der DDR: eine bessere Betreuung der Studenten, die Regelstudienzeiten standen nicht nur auf dem Papier, in dem verschulten Hochschulsystem waren die Erfolgsquoten hoch und nach dem Studium wurden den Absolventen für die ersten drei Jahre Stellen zugewiesen. "Ich hoffe, dass manches von unseren Erfahrungen Eingang findet in eine künftige Reform - wir können dann ja sagen, es kommt aus den USA, wie wir früher gesagt haben ..." Den Hinweis auf die Sowjetunion verkniff sich Maess bei seinem ironischen Abgang vom Rednerpult.

Manfred Erhardt, der Generalsekretär des Stifterverbandes, brachte es auf den Punkt: "Die Stärke des Westens war seine Freiheit, die Schwäche sein Mangel an Reformfähigkeit."

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