Gesundheit : Riffe wurden schon vor Jahrtausenden geschädigt Forscher fordern Schutzzonen

für 30 Prozent der Korallenbänke

Nikolaus Vagedes

Viele Korallenriffe sind akut bedroht: Überfischung, Verschmutzung der Küsten und globale Erwärmung der vergangenen Jahrzehnte gelten gemeinhin als Ursachen für das Verenden der Korallenpolypen, die in Kolonien Korallenriffe aufbauen. Dabei wird jedoch übersehen, dass der Mensch zahlreiche Riffsysteme oft schon in historischer Zeit schädigte. Riffe im Roten Meer beutet er bereits seit Jahrtausenden aus, auf den Bermudas etwa seit 1600. Um 1900 war die Mehrzahl der Korallenbänke weltweit bereits deutlich geschädigt.

Zu diesem Ergebnis kommen zumindest zahlreiche Wissenschaftler aus den USA, Australien und Panama („Science“, Band 301, Seite 955). Im Rahmen einer breit angelegten paläoökologischen Studie ausgewählter Riffsysteme weltweit fanden sie heraus, dass die wirtschaftliche Nutzung der Riffe durch den Menschen seit Jahrhunderten nach demselben Muster abläuft – mit verheerenden Folgen: Der Mensch macht zunächst Jagd auf die großen Riffbewohner und -besucher, vom Hai bis zum Zackenbarsch, dann auf kleineres Getier wie Schmetterlings- und Papageienfische. Die starke Dezimierung dieser Tiere gilt als „der Anfang vom Ende“ der sensiblen Ökosysteme, die auf der Symbiose zahlreicher Organismen aufbauen.

Ein Beispiel: In Riffen hat jede Tierart eine konkrete Aufgabe. Vegetarische Fischarten etwa futtern bestimmte Algen regelmäßig von den Riffen und verhindern so, dass das Algenwachstum die Korallen erstickt. Zu viele Algen reduzieren den Lichteinfall, auf den die Fotosynthese betreibenden Zooxanthellen angewiesen sind. Diese winzigen Pflanzen leben im Innern der Korallenpolypen und unterstützen deren Stoffwechsel.

Auf einer sechsstufigen Zustandsskala haben die Riffsysteme in Jamaika und Westpanama die vorletzte Stufe erreicht. Dann folgen die der Virgin Islands, der Bahamas und die Südspitze des australischen Great Barrier Riffs. Die Autoren fordern daher Schutzzonen. Mindestens 30 Prozent der Riffe weltweit sollten nicht vom Menschen genutzt werden. Zum Vergleich: In den USA und Australien sind gerademal fünf Prozent geschützt.

Eine andere Gruppe von Wissenschaftlern hat das Riffsterben 1997/98 im östlichen Indischen Ozean genauer untersucht. Damals verendete ein ausgedehntes System rund um die Mentawai-Inseln westlich von Sumatra binnen weniger Monate. Als Ursache gelten starker Wind und Wellengang, das Aufsteigen kalten Tiefenwassers, das die Oberflächentemperatur des Meerwassers um vier Grad Celsius fallen ließ, sowie eine intensive Rotalgenblüte.

Die Forscher von der australischen National University und dem Indonesian Institute of Sciences bestimmten mit geochemischen Methoden die Isotopenverhältnisse bestimmter Elemente im Riffkalk. Aus diesen errechneten sie die Oberflächentemperatur des Meeres westlich von Sumatra während der vergangenen 7000 Jahre. Ergebnis: Schon mehrmals in der Geschichte hatte die Oberflächentemperatur um bis zu 5,8 Grad abgenommen, ohne dass das Riff verendet war, zuletzt 1994, 1961 und 1877.

Als zusätzlichen „Stressfaktor“ vermuten die Forscher die Rotalgen, die 1997/98 als 400 Kilometer lange rote Welle beobachtet wurden. Für ein solches Ausmaß reichte der Eisengehalt der Tiefen- und Oberflächenwasser aber nicht aus. Wie die Forscher ermittelten, trug der Ascheregen, der auf Grund der ausgedehnten Waldbrände in Sumatra über den Mentawai-Inseln niederging, Eisen ein.

Es handelte sich um die schlimmsten jemals dokumentierten Waldbrände in der Geschichte Südostasiens, die indirekt den Rifftod mit herbeiführten. Damit haben die Forscher ein weiteres Gefahrenpotenzial von Waldbränden aufgezeigt.

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