Gesundheit : Risiko aus dem Reagenzglas

Künstliche Befruchtung: Mehrere Eizellen erhöhen die Chancen auf eine Schwangerschaft – aber auch die Gefahren

Adelheid Müller-Lissner

Für die einen ist es die natürlichste Sache der Welt, für andere eine Strapaze: ein Kind zu zeugen – menschlich, medizinisch und nun auch monetär. Seit das „Gesundheits-Modernisierungs-Gesetz“ in Kraft ist, müssen Paare die Hälfte der Behandlungskosten für die Befruchtung im Reagenzglas selbst tragen. Die Kasse beteiligt sich zudem nur an drei Behandlungszyklen von In-vitro-Fertilisation (IVF) oder der ICSI-Methode (siehe Kasten), die bei männlicher Unfruchtbarkeit in Frage kommt.

Seitdem verzichten offenbar viele unfruchtbare Paare auf die künstliche Befruchtung: Wurden im Jahr 2003 im nationalen IVF-Register 107675 Behandlungszyklen erfasst, so waren es 2004 nur etwa 67000. Neben dem Rückgang der Behandlungen registrieren die Fortpflanzungsmediziner auch vermehrt den Wunsch nach einer Einpflanzung der höchstzulässigen drei befruchteten Eizellen pro Behandlung.

Die Frauen nehmen also „bewusst das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft in Kauf, um nach Möglichkeit innerhalb von drei Therapiezyklen schwanger zu werden“. Das berichtete der Gynäkologe Hermann Hepp, bis vor kurzem Direktor der Frauenklinik im Münchner Uniklinikum Großhadern, kürzlich bei einer Veranstaltung mit dem programmatischen Titel „Kinderwunsch in der Krise“.

Paare im dafür besten Alter und ohne Fruchtbarkeitsprobleme haben pro Zyklus eine natürliche Chance von 25 Prozent, schwanger zu werden. Die Rate nach IVF und ICSI muss sich da nicht verstecken, sie lag 2003 bei 29 Prozent.

In Frankreich, Belgien und Skandinavien ist sie jedoch in den letzten Jahren auf fast 40 Prozent gestiegen. Dabei ist es etwa in Schweden nicht erlaubt, einer Frau unter 35 Jahre mehr als einen Embryo pro Behandlungszyklus einzupflanzen. „Single embryo transfer“ heißt dort die neue Devise.

Der Fortschritt, der den Frauen zugute kommt, liegt dabei in der vorherigen Begutachtung der befruchteten Eizellen unter dem Mikroskop. Konkret: Es werden deutlich mehr als drei Eizellen befruchtet und kultiviert, dann wird der Embryo ausgewählt, dem die Mediziner aufgrund ihres geschulten Blicks die besten Chancen geben, sich in der Gebärmutter einzunisten und gut zu entwickeln.

„Wir haben heute klare morphologische Kriterien, um das unter dem Mikroskop zu beurteilen“, sagte Klaus Diedrich, Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Lübeck. Er fügte jedoch zugleich hinzu: „In Deutschland werden wir auf diesem Weg blockiert, weil jeder Embryo, der im Labor kultiviert wird, auch transferiert werden muss.“

Eine Auswahl verbietet das Embryonenschutzgesetz, bei dessen Verabschiedung im Jahr 1991 von den neuen Möglichkeiten indes noch nichts zu ahnen war. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, die die Veranstaltung organisiert hatte, setzt sich für ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz ein.

Oberste Priorität hat nach Ansicht von Diedrich, dem Vizepräsidenten der Fachgesellschaft, die Verbesserung der Schwangerschaftsrate nach dem Vorbild anderer Länder. Zugleich müsse die Mehrlingsrate nach IVF und ICSI deutlich reduziert werden. Zurzeit werden nach etwa jeder fünften so ermöglichten Schwangerschaft Zwillinge oder Drillinge geboren.

Höhergradige Mehrlinge sind nicht nur eine Belastung für die Schwangere, sie werden auch überdurchschnittlich häufig zu früh geboren und holen Entwicklungsrückstände oft nicht mehr auf. „Dreißig Prozent der Drillinge sind von leichten bis schweren Handicaps belastet“, sagte Hepp. Wenn die Mehrlinge sich gegenseitig die Lebenschancen zu nehmen drohen, werden oft sogar eines oder mehrere der Ungeborenen getötet, um die anderen zu retten.

Eine belastende „Therapie“, unter der die Eltern, die sich ja besonders stark Kinder wünschen, oft noch Jahre später leiden. Sie ist außerdem auch für die verschonten Mehrlinge riskant, die den Eingriff oft ebenfalls nicht überleben. Deshalb sieht der evangelische Theologe Hartmut Kreß auch aus ethischer Sicht „starke Argumente“ für die Begutachtung und Auswahl der Embryonen.

„Das neue Verfahren steht im Einklang mit der ärztlichen Pflicht, dem aktuellen Kenntnisstand entsprechend zu behandeln und die ungewollten Negativfolgen der medizinisch assistierten Reproduktion einzudämmen“, urteilt der Theologe. Diese Chancen dürfe man den ungewollt kinderlosen Paaren in Deutschland nicht vorenthalten, auch wenn es Bedenken gebe, die übrigen Embryonen einzufrieren.

In der Diskussion stellte der Lübecker Humangenetiker Eberhard Schwinger sogar die Frage, ob es nicht einen Verstoß gegen grundgesetzliche Ansprüche beinhalte, „deutschen Paaren nur die halbe Chance zu geben“. „Man kann in einer pluralistischen Gesellschaft nicht die moralisch restriktivste Position zur Basis einer Regelung machen, die alle Bürger betrifft“, meinte auch Kreß.

Die betroffenen Bürger entscheiden sich seit einiger Zeit vermehrt für eine Art Fortpflanzungs-Tourismus: Zur Eizell-Spende fahren viele nach Spanien, eine Untersuchung der Gestalt oder die Präimplantationsdiagnostik lassen sie etwa in Belgien machen. „Ich finde diese Entwicklung beschämend“, sagt Diedrich.

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