Gesundheit : Risikofaktor Pille: Wasserablagerungen im Gewebe

Adelheid Müller-Lissner

Fast ein Drittel aller Frauen, die die Antibabypille nach einer Weile wieder absetzen, tun dies, obwohl sie ihre empfängnisverhütende Wirkung eigentlich weiter gut gebrauchen könnten. Doch ihnen missfällt, dass sie ein bis zwei Kilo zunehmen: Der Grund sind Wassereinlagerungen im Gewebe. Am heutigen Mittwoch nun feiert eine Pille ihr Debüt, bei der dieses Problem nicht zu bestehen scheint, wie klinische Studien mit insgesamt 3000 Teilnehmerinnen gezeigt haben.

Der kleine Unterschied liegt in dem neuen Gestagen, das in "Yasmin" enthalten ist. Wie Wolfgang Oelkers, Leiter der Medizinischen Klinik IV des Universitätsklinikums Benjamin Franklin, berichtet, hat die neue Substanz aus der Schering-Forschung eine lange Vorgeschichte. Schon in den 70er Jahren wurde bei Forschungen zum Bluthochdruck festgestellt, dass Spirolactone, synthetische Substanzen, die bei Herz- und Nierenkranken durch Blockierung des Stoffwechselhormons Aldosteron die Wasserausscheidung anregen, zugleich starke Gelbkörperhormone darstellen. Das natürliche Gelbkörperhormon Progesteron wirkt in vielerlei Hinsicht als Gegenspieler des anderen wichtigen weiblichen Geschlechtshormons Östrogen.

Die synthetisch hergestellten Gelbkörperhormone aber, die bisher in den verschiedenen Antibabypillen genutzt wurden, kommen gegen die wassereinlagernde Wirkung des Östrogens nicht so gut an. Es lag also nahe, sich den Effekt der wasserausscheidenden Substanzen auch für die Pille zunutze zu machen. Erste klinische Forschungen fanden unter Mitwirkung des Endokrinologen zu Beginn der 90er Jahre statt. Nun ist daraus das Gestagen namens Drospirenon geworden, das allen anderen Gestagenen die aldosteronblockierende Wirkung voraus hat.

"Drospirenon ist dem natürlichen Gelbkörperhormon sehr ähnlich" betont Schering-Sprecherin Petra Fox-Kuchenbecker. Es soll auch das Wohlbefinden in der Zeit vor der Monatsblutung steigern, denn Völlegefühl und Spannungen in der Brust sind ebenfalls von Wassereinlagerungen abhängig.

Hoffnungen auf eine "Pille für die gute Figur" sind dagegen, wie Frau Fox-Kuchenbecker ausdrücklich betont, völlig überzogen. "Yasmin regt weder den Stoffwechsel an noch löst es Fettdepots im Körper auf." Auch im Hinblick auf die von vielen Frauen sehnlichst gewünschte Umverteilung der Pölsterchen bringt die neue Pille keine Fortschritte. Zudem gelten für die neue Kreation die gleichen Einschränkungen wie für andere vergleichbare Kontrazeptiva auch: Rauchen und Übergewicht lassen sich mit der Einnahme der Pille schlecht vereinbaren.

In den klinischen Studien, die vor der Markteinführung abgeschlossen wurden, zeigte sich, dass die Frauen tatsächlich nicht zunahmen. Einige Frauen, die vom Typ her zu Wassereinlagerungen neigen und zuvor ein anderes Präparat eingenommen hatten, haben sogar einige Kilo abgenommen.

Der Aschaffenburger Frauenarzt Wilfried Baumgärtner stellte neben der entwässernden auch eine leicht stimmungsaufhellende Wirkung der "Neuen" fest. Die positive Wirkung bei prämenstruellem Syndrom und Hautproblemen ist nach seinen Erfahrungen mindestens so wichtig wie das Gewicht. Die ganz große Gewichtszunahme ist heute ohnehin von keiner Pille mehr zu befürchten. Als vor nunmehr fast 40 Jahren die ersten Pillen auf den Markt kamen, enthielten sie alle ein Vielfaches der Östrogenmenge ihrer "schlankeren" Nachfolgerinnen von heute.

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