Gesundheit : Ritt auf dem Kometen

Erstmals soll ein Raumfahrzeug auf einem kleinen Schweifstern landen – doch die Reise dauert neun Jahre

Thomas de Padova

Rosetta wird nicht mit Eiskrem nach Hause kommen. Dabei stand das himmlische Wassereis, frisch aus den oberen Schichten eines Kometen abgeschöpft, bei der Europäischen Weltraumagentur Esa zunächst hoch im Kurs. Denn Forscher hätten gerne ein bisschen von dem Eis getestet, das in unserem Sonnensystem weit verbreitet ist. Jeder Komet trägt es mit sich. Er rauscht mit der kalten Fracht an der Sonne vorbei, wo das Eis langsam verdampft. Und je mehr sich davon in der Sonnenhitze verflüchtigt, desto heller und länger wird der Kometenschweif.

Die Raumsonde Rosetta wird dieses beeindruckende Schauspiel verfolgen. Sie wird dabei sein, wenn der kleine Komet Wirtanen aus seiner Kältestarre erwacht. Sie wird sogar eine Landekapsel zu dem Kometen hinabschicken, die sich mit einer Harpune im Eis verankert. Allein den ursprünglich geplanten Rückflug zur Erde hat die ESA aus finanziellen Gründen gestrichen. Für Rosetta gibt es kein Zurück. Ihre Messinstrumente müssen das Eis vor Ort studieren.

Es wird gleichwohl die erste Landung eines Raumfahrzeugs auf einem Kometen sein. Die Europäer könnten damit einmal mehr aus dem Schatten der amerikanischen und der russischen Raumfahrt heraustreten.

Schon bei der Giotto-Mission zum Kometen Halley triumphierten sie im Jahre 1986 über die internationale Konkurrenz. Die Bilder, die die Giotto-Sonde damals in rasendem Vorbeiflug machte, zeigten erstmals, dass Kometen einen schneeballartigen Kern besitzen. Einen Kern, schwarz wie Teer, aus dessen Innerstem Gase in hellen Fontänen austreten und Staub mit sich fortreißen.

Giottos Messinstrumente fingen die Kometenmaterie auf. Sie registrierten Wasser, Ammoniak, Kohlendioxid und Methan und lieferten viele Hinweise darauf, dass auch komplexe organische Moleküle zur Rezeptur der Kometen gehören.

Im Deutschen Museum in München stellte die Max-Planck-Gesellschaft in der vergangenen Woche die Rosetta-Sonde und ihre Instrumente vor. Forscher aus drei beteiligten Instituten erläuterten, wie Rosetta unser Verständnis der Kometen vertiefen soll.

Bis zum Start der Sonde im Januar 2003 mit einer Ariane-Rakete ist es nicht mehr lange hin. Und schon die Flugroute wird die Raumsonde mit ihren 32 Metern weiten Sonnensegeln nur dank technischer Meisterleistungen einhalten können. Rosetta fliegt zunächst dicht an den Planeten Erde und Mars vorbei, um Schwung für den achtjährigen Flug zu Wirtanen zu holen.

„Die Mission ist ein Billard im interplanetaren Raum“, sagte Esa-Projektwissenschaftler Gerhard Schwehm. 800 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, wird Rosetta den Kometen erst im November 2011 erreichen.

Der Kern des Kometen dürfte kaum mehr als einen Kilometer groß sein. Er rast mit Geschwindigkeiten von vielen zehntausend Kilometern pro Stunde auf die Sonne zu. Erst in deren Nähe beginnt er auszugasen. Gas und Staub treffen dann auf die Raumsonde und prallen auf ihre Solarzellenfläche. Damit sie nicht weggeblasen wird und verloren geht, muss ihre Bahn ständig korrigiert werden. Bis auf zwei Kilometer Abstand soll sich Rosetta dem windigen Kometen nähern. Die Kameras und andere Instrumente werden den Kometen regelrecht durchleuchten und detaillierte Aufnahmen von seiner Oberfläche machen, während er langsam seinen Schweif entfaltet. Die Forscher wollen anhand der Bilder erstmals den ganzen Prozess der Schweifentstehung verfolgen und messen, wie viel Gas und Staub ins Weltall weht.

Das Landegerät wird sich auf dem Kometen mit einer Harpune festmachen müssen. Denn auf dem kleinen Trumm gelten seine 100 Kilogramm Gewicht nicht mehr als zwei Gramm auf der Erde. Es hat eine Schnüffelnase aus Mainz, die schon bei der amerikanischen Pathfinder-Mission zum Mars die Chemie des Planeten erkundete. Ein in Katlenburg-Lindau gebautes Instrument wird zudem die wichtigsten organischen Bestandteile des Kometen identifizieren. Sie könnten bis zu 30 Prozent des gesamten Kometenmaterials ausmachen, schätzen die Forscher.

Wie Experimente von Helmut Rosenbauer vom Max-Planck-Institut für Aeronomie nahe legen, sind vermutlich viele Aminosäuren darunter. Er zeigte kürzlich, wie leicht solch komplexe Verbindungen unter Weltraumbedingungen, bei tiefsten Temperaturen unter Einwirkung der UV–Strahlung der Sonne, entstehen und konserviert werden.

Kometen scheinen also vor Urzeiten nicht nur Wasser, sondern auch lebenswichtige Biomoleküle auf die Erde gebracht zu haben. Ihre Einschläge auf der frühen Erde waren nach Einschätzung des Kometenforschers Jochen Kissel geradezu der „Starter-Kit“ für die Entstehung des irdischen Lebens .

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