Gesundheit : Robert-Koch-Museum: Fotos halfen beim Vergleich der Bakterien

Rosemarie Stein

"Krokodil, aus dessen noch pulsierendem Herzen mit einer Spritze Blut entnommen und in die vorher präparierten Reagenzgläser gebracht wurde." Dieser Text erläutert ein Bild, das in Robert Kochs Gesammelten Werken publiziert worden ist. "Koch hat sich leider bewegt und ist daher unscharf - schlecht für die Reproduktion", sagt Ragnhild Münch. Die Medizinhistorikerin hat das Original des Expeditionsfotos in der Hand gehabt. Es gehört zu ihren Lieblingsfotos, die den rastlosen Forscher in Aktion zeigen: Allein beim Mikroskopieren; mit seiner zweiten Frau Hedwig, die jünger war als seine Tochter, in Ägypten. Ein anderes Bild zeigt Robert Koch bei der Laborarbeit in einem Expeditionszelt - dieses Dokument zeugt von den schwierigen Arbeitsbedigungen des unermüdlich Reisenden selbst noch als Nobelpreisträger. Auch das gibt es zu bewundern: Robert Koch beim Rodeln.

Im Computer gespeichert

All die Bilder zaubert die Historikerin auf den Bildschirm ihres tragbaren kleinen Computers. Der speichert fast den gesamten Nachlass Robert Kochs, soweit er sich in Berlin befindet und nicht Teil anderer Sammlungen ist. Denn Ragnhild Münch hat zusammen mit ein paar Studenten diesen Nachlass in vierjähriger Arbeit erschlossen. Das ist ein Kooperationsprojekt des medizinhistorischen Instituts der Freien Universität mit dem Robert Koch-Institut und dem Institut für Mikrobiologie und Hygiene der Humboldt-Universität. Gefördert wird die Aufbereitung des Nachlasses von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

In dem für Koch geschaffenen Institut für Infektionskrankheiten in Wedding, das sich seit seinem Tode 1910 nach ihm benannte, ist seine Urne beigesetzt. Neben dem Mausoleum ist ein kleines Museum eingerichtet. Zu Lebzeiten war Koch alles andere als ein sesshafter preußischer Beamter: Jahrelang auf Reisen und mit sechzig auf eigenen Wunsch pensioniert. Natürlich reiste und forschte er weiter.

900 japanische Visitenkarten

Ragnhild Münch hat ihren Computer dem Tagesspiegel zuliebe auf den langen Tisch des ehrwürdigen Bibliotheksraums im Mikrobiologischen Institut der Humboldt-Universität in Mitte gestellt, in dem der Begründer der Bakteriologie am 24. März 1882 seinen Vortrag über den Erreger der Tuberkulose hielt, der ihn mit einem Schlage weltberühmt machte. Die Entdekkung des Erregers brachte ihm 1905 den Nobelpreis ein.

Zwei Institute verwahren also große Teile des Robert Koch-Nachlasses. Dessen Biograph B. Möllers sah den Nachlass zuletzt komplett - vor den Verlusten im Zweiten Weltkrieg. Seitdem lagert der Nachlass wie er war: unbearbeitet und ohne Inhaltsbeschreibungen in Pakete geschnürt. In der Ringvorlesung über die Sammlungen der Humboldt-Universität stellte die Berliner Historikerin nun einem interessierten Fachpublikum ihr DFG-Projekt vor. Das hatte seine Schwierigkeiten. Das Förderprogramm "Nachlasserschließung" der Deutschen Forschungsgemeinschaft samt den hierzu konzipierten Richtlinien sieht eigentlich nur die Erfassung schriftlicher Hinterlassenschaften vor.

Die sind bei Robert Koch allein schon imposant genug: 254 Werkmanuskripte - etwa 15 000 Blatt - mit wissenschaftsgeschichtlich hochinteressanten Informationen; 2500 Blatt Korrespondenz, die den wissenschaftlichen Austausch Kochs mit (fast durchweg ermittelten) Briefpartnern in aller Welt dokumentieren. Rund 500 Blatt Lebensdokumente widmen sich der Geburt (1843 in Clausthal) und Taufe - dazu gehören Zeugnisse, Berufungen, Ernennungen und Ehrungen, die einiges von diesem Forscherleben widerspiegeln, aber auch Abrechnungen von Expeditionskosten und Steuererklärungen. Nicht zu vergessen: 900 japanische Visitenkarten.

Fotografien sahen die DFG-Richtlinien bisher nur bei den Lebensdokumenten vor. Im Robert-Koch-Nachlass spielen Bilder, darunter auch Zeichnungen, ebenso im Werk eine wichtige Rolle. Vor allem sind das Fotos: zum einen von seinen Expeditionen in Sachen Krankheit, wobei auch Landschaften und Lebensformen als wichtige Einflussfaktoren im Bilde festgehalten wurden. Zum anderen handelt es sich um Aufnahmen mikroskopischer Präparate, für die der Bakteriologe zusammen mit Zeiss komplizierte Geräte entwickelte. Koch erkannte schon 1877, dass die wissenschaftliche Fotografie exakte Messungen und Vergleiche der verschiedenen Bakterien ermöglichte.

Neben diesen avantgardistischen Mikrofotografien haben sich aber auch Originalpräparate erhalten, beschriftet auf briefmarkenkleinen Zettelchen, die zum Teil durcheinandergerieten. So etwas lässt sich beim besten Willen nicht nach Regeln ordnen und erschließen, die für Manuskripte erdacht wurden. Man kann ja heute alles digitalisieren. Und so hat Ragnhild Münch Methoden für die Dokumentation des wissenschaftlichen Bildmaterials entwickelt und außer der Textdatenbank - für Briefe, Lebensdokumente und Werk - zwei Foto-Datenbanken angelegt: für "normale" Fotos sowie für Mikrofotos und Präparate.

"Bewahren und vermitteln" könnte man Robert Kochs Nachlass in einem virtuellen Archiv. Genau das schwebt das Ragnhild Münch vor. Wäre Robert Kochs Werk über das Internet zugänglich, dann müsste eine japanische Wissenschaftlerin nicht mehr, wie geschehen, nur wegen zwei Briefen nach Berlin reisen. Aber so weit geht der Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft bisher noch nicht.

Ein moderner Wissenschaftler

"Robert Koch gehört der Welt", hieß es in der Gedächtnisrede seines Schülers Georg Gaffky. Koch selber wäre wahrscheinlich begeistert. Er hat die modernsten Kommunikationsmittel seiner Zeit, Telegrafie und Fotografie, seinen Forschungen und ihrer Verbreitung nutzbar gemacht. Eigentlich ein Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts, auch wenn er nur noch ein Jahrzehnt davon erlebte.

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