Gesundheit : "Robodent": Lachende Dritte

Adelheid Müller-Lissner

Eine Patientin kommt mit zahnlosem Unterkiefer morgens in die Klinik. Lachend und mit vollständigem Gebiss geht sie mittags nach Hause. Vor einem Jahr malte Jürgen Bier, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Charité, dies als Zukunftsvision in leuchtenden Farben aus. Anlass war damals die Vorstellung von "Otto von der Decke", einem an der Decke des Operationssaals befestigten Roboter, mit dessen Hilfe einem jungen Mädchen passgenau eine künstliche äußere Ohrmuschel aus Silikon eingesetzt werden konnte. Solche Gesichtsprothesen sind bei Missbildungen, nach Unfällen oder Tumoroperationen ausgesprochen segensreich, werden aber insgesamt nur sehr selten gebraucht.

Nicht umsonst galt Biers Vision deshalb einem Einsatzgebiet, in dem die elektronischen Operationshilfen weit mehr Menschen helfen könnten. Nun scheint sie Wirklichkeit geworden: Millionenfach könnte sich das Fachgebiet Navigation und Robotik, das in dieser Klinik der Charité von Tim Lüth geleitet wird, in Zukunft im Mund von Patienten nützlich machen. Dort wurde gestern Robodent präsentiert, ein kleines Navigationsgerät, das mit einem PC samt Monitor verbunden ist und auf Handstücke aufgesetzt werden kann, wie sie jeder Zahnarzt in der Praxis benutzt.

"Robodent" soll Präzision beim Bohren garantieren. Die ist besonders wichtig, wenn Implantate im Kieferknochen verankert werden. Das sind schrauben- oder zylinderförmige Gebilde, die meist aus reinem Titan gefertigt werden und als künstliche Zahnwurzeln dienen, auf denen Kronen, Brücken oder Prothesen befestigt werden können. Mindestens 100 000 solcher Implantat-Behandlungen nehmen etwa 18 000 spezialisierte Zahnmediziner jährlich in Deutschland inzwischen vor. Tendenz trotz weitgehender Eigenfinanzierung der mehrere tausend Mark teuren Implantate durch den Patienten: eindeutig steigend.

Gegenüber dem Lückenschluss durch eine Brücke bieten Implantate den Vorteil, dass die Nachbarzähne nicht beschliffen werden müssen. Als Verankerungsmöglichkeiten für Vollprothesen bieten sie festen Halt und Abhilfe gegen Knochenschwund im Kiefer.

Für jede Implantat-Behandlung müssen zunächst Informationen über die Lage in der Mundhöhle gewonnen werden. Der Zahnarzt braucht einen Abdruck des Kiefers und eine Röntgenaufnahme oder Computertomographie (CT). Wenn Robodent beteiligt ist, errechnet nun seine Software aus den gewonnenen Abdruck- und CT-Daten die optimale Bohrrichtung und -tiefe.

Die Navigationshilfen selbst, eine Schablone im Mund des Patienten und ein Aufsatz am Gerät des Zahnarztes, die beide mit Navigationskugeln ausgestattet sind, sorgen anschließend dafür, dass diese Berechnungen bis auf einen halben Millimeter genau auch umgesetzt werden können, ohne Verfälschungen, die selbst der ruhigsten und erfahrensten Zahnarzt-Hand unterlaufen.

Der Zahnarzt kann auf dem Monitor seine Arbeit kontrollieren: Erscheint das Handstück dort in blau, dann hat er den Bohrpunkt genau getroffen. Schlägt es in grün um, dann stimmt auch die Achse. Sollte er zu tief bohren und einen Nerv ansteuern, der etwa im Unterkiefer für die Lippe zuständig ist, dann warnt ihn ein Signalton.

Der Patient selbst erlebt vor allem einen Vorteil des passgenauen Arbeitens: Er kann noch am Tag, an dem die Implantate gesetzt wurden, mit dem neuen Zahnersatz nach Hause gehen. Denn der kann im Vertrauen auf die Präzision der Berechnungen schon zuvor angefertigt und bereits wenige Stunden nach dem Eingriff eingesetzt werden. Bei Ungenauigkeiten kann es sich nur um weniger als einen halben Millimeter handeln, die Wunden sind klein. Deshalb dürfen die dritten Zähne auch sofort belastet werden. Dieses Behandlungstempo ist vor allem wichtig für Patienten, bei denen gleichzeitig viele Implantate verankert werden müssen.

Wie der Zahnmediziner Detlef Hildebrand bei der Vorstellung von Robodent betonte, ist das neue System auch für seine niedergelassenen Kollegen ausgesprochen attraktiv, weil seine Handhabung schnell erlernt werden kann. Die Ingenieure Tim Lüth und Olaf Schermeier erläuterten, man habe auf Möglichkeiten zur "intuitiven Bedienung" größten Wert gelegt.

Den voraussichtlichen Preis veranschlagte Thomas Jaberg von der Schweizer Straumann Holding mit 80 000 bis 120 000 DM, mithin im Bereich eines "hochwertigen Zahnarztstuhls". Damit dürfte erstmals ein medizinisches Navigtionssystem den Sprung von der Spezialklinik in die Praxis schaffen. Schon im dritten Quartal dieses Jahres soll der elektronische Helfer, der in Zusammenarbeit mit der Schweizer Implantatfirma innerhalb von zwei Jahren entwickelt wurde und bereits nach dem Medizinproduktegesetz zugelassen ist, auf den Markt kommen. Der Antrag auf Zulassung für den amerikanischen Markt läuft. Noch etwas, das Bier vor einem Jahr auf "Otto von der Decke" münzte, scheint sich damit zu bestätigen: "Wir glauben, dass wir bei Medizin-Roboter-Systemen im Moment in der Weltspitze mitspielen."

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