Gesundheit : Roboter machen sich im OP breit - Chirurgen warnen vor überstürzter Einführung

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Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie warnt vor überhöhten Erwartungen und einer überstürzten Einführung von Computer- und Robotertechnik im Operationssaal. "Die Zwischenfälle mit der neuen Technik werden zunehmen, wenn sie nicht gesteuert wird", sagte Wilhelm Hartel (München), Generalsekretär der Gesellschaft, aus Anlass des 117. Chirurgenkongresses am Dienstag in Berlin.

Das Operieren mit dem Roboter müsse zunächst auf spezielle Zentren konzentriert werden. Verbindliche Richtlinien für die Eingriffe würden erarbeitet. Allerdings hätten neben der Industrie auch Krankenhäuser und Krankenkassen ein Interesse an automatisierten Eingriffen, weil auf diese Weise Chirurgen eingespart würden. Nach amerikanischem Vorbild soll nun zum Schutz des Patienten ein "Sicherheitszentrum" gegründet werden, das die Chirurgie für Außenstehende verständlicher machen und die Qualität verbessern soll.

"Der Roboter übernimmt nicht ab morgen die Chirurgie", sagte Albrecht Enke (Frankfurt am Main), Präsident der Chirurgen-Gesellschaft. Es handele sich um Navigationssysteme, nicht um "echte" Roboter. Mutmaßungen, bald würden Operationen über Tausende von Kilometern Entfernung von Chirurgen mit dem Joystick gesteuert, nannte er "unsinnige Spekulation".

Die Vorzüge der neuen Technik hob dagegen der Chirurg Klaus Schönleben hervor. Die "Schlüsselloch-Chirurgie" habe den Komfort für die Patienten wesentlich vergrößert, ähnliches gelte nun für Operationsroboter, wie sie mittlerweile auch bei Eingriffen am Herzen eingesetzt würden. "Die Patienten erholen sich schneller, weil die Wunde kleiner ist", sagte Schönleben. Er erhofft sich von seinen stählernen Kollegen außerdem größere Genauigkeit. So ermögliche es der Computer, bei der Schlüsselloch-Chirurgie am Herzen ein Bild des Operationsgebietes zu bekommen, bei dem Herzschlag und Zittern der Hand elektronisch "weggemittelt" würden. Das Ergebnis sei ein stark vergrößertes und "ruhiges" Bild des Operationsgebietes auf dem Videoschirm.

Die Chirurgen haben in den letzten Jahren nicht nur durch Roboter immer mehr Konkurrenz bekommen. So nehmen heute viele Spezialisten der Inneren Medizin mit Hilfe der Endoskopie Eingriffe im Verdauungstrakt vor, die bisher den Chirurgen vorbehalten waren. Ein anderes Beispiel sind die Radiologen, die nicht nur bei der Krankheitserkennung, sondern auch bei der Behandlung "mitmischen". Sie behandeln mit speziellen Schläuchen und Hohlnadeln (Kathetern) zum Beispiel Blutungen und Tumoren im Bauchraum. Mit diesen Fachdisziplinen sei man zur Zusammenarbeit bereit, versicherte der Kongress-Präsident Encke. "Meine Vision ist eine Symbiose von Innerer Medizin und Chirurgie."

In seiner Eröffnungsrede hielt Encke dem Gesundheitsministerium "katastrophale Defizite" vor. Wichtige Aufgaben seien nicht gelöst worden; die strikte Budgetierung der Krankenkassenausgaben stranguliere zudem die medizinische Innovation. Der Kongress findet im ICC statt und dauert bis zum Sonnabend. Die Veranstalter erwarten 4500 Teilnehmer.

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