Gesundheit : Romanistik auf dem Rückzug

Dunja Bialas

Wenn eine geisteswissenschaftliche Tagung mit dem Hinweis auf ein Syndrom eröffnet wird, so kann dies zweierlei bedeuten. Erstens: Die Wissenschaft ist von einer Krankheit befallen. Zweitens: Es gibt ein Bewusstsein über diese Krankheit, und dies allein kann bereits Genesung versprechen.

Als der Soziologe Ulrich Beck als Gastredner des diesjährigen Romanistentages das "11.-September-Syndrom" konstatierte, hatte er eine heilversprechende Zäsur im Blick, der sich die Geisteswissenschaften unter dem Eindruck der terrorristischen Attacken auf das westliche Selbstverständis unterziehen sollten. Notwendig sei fortan eine kosmopolitische Perspektive. Beck sprach von einem Paradigmenwechsel: Die Geisteswissenschaften müssten aus der engen Begrenzung fachgegebener Themen entlassen werden. Die Ereignisse des 11. September machten deutlich, "wie wenig sich die kulturwissenschaftliche von einer politikwissenschaftlichen Sicht trennen läßt".

Die Themen, die intern auf der Tagung in den 21 Sektionen in rund 450 Vorträgen erörtert wurden, ließen jedoch nur zum Teil eine stärkere politische Befragung zu. Die Artikulation der Romanisten zu tagespolitischen Fragen könne nur aus der "romanistischen Ecke" heraus geschehen, so ein Teilnehmer des Kongresses.

Mehr als die von Beck anvisierte politische Wendung stand das Wirtschaftliche im Mittelpunkt der Tagung. "Ganze Fächer werden verschwinden", warnt der Vorsitzende des Deutschen Romanistenverbandes (DRV), Wulf Oesterreicher, wenn sich das Nützlichkeitsdenken hochschulpolitisch durchsetzen wird. Wenn erst die "Amputation" der Nischenfächer Portugiesisch, Katalanisch oder Rätoromanisch vorangetrieben wird, sei die Romanistik in Gefahr. Dem Sterben des Faches unter wirtschaftlichen Zwängen wäre die "Aufgabe von Standorten", sprich der Verzicht auf ein geographisch flächendeckendes Lehrangebot, vorzuziehen.

Die Romanistik ist auf dem Rückzug, so könnte das ernüchternde Fazit lauten. Der Rückzug freilich verläuft auffällig offensiv und selbstbewusst. So bewies der Deutsche Romanisten Verband angesichts der brisanten hochschulpolitischen Lage vernünftige Einigkeit. Besonders die Resolution zur europäischen Mehrsprachigkeit, die ein Schulangebot in drei romanischen Sprachen vorsieht, könnte sich als Rettung für das Fach erweisen, sofern sie denn von den Schulpolitikern aufgegriffen würde. Im Rahmen des Europäischen Sprachenjahres 2001 wurden auch von anderen Fachverbänden vergleichbare Beschlüsse verabschiedet. Kein Wunder, dass auch die Romanisten Vielsprachigkeit fordern. Immerhin hätte der diesjährige Romanistentag damit seiner drohenden Erkrankung entgegengearbeitet. Und dies, wenn nicht schon als Stimme der in die Krise geratenen Weltvernunft, so doch in der Forderung nach europäischer Vielfalt. Noch ist das Sterben der Romanistik aufzuhalten.

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