Gesundheit : Rudolf Bultmann: Das Wunder der Offenbarung

Friedrich Seven

Während der Einfluss seines Denkens immer noch groß ist, scheint dessen provozierende Wirkung dahin. Wer an den Theologen Rudolf Bultmann erinnert, der vor 25 Jahren im Alter von 92 Jahren starb, schreibt über einen Klassiker der protestantischen Theologie des 20. Jahrhunderts.

Unter dem Thema "Glauben und Verstehen" sind die Aufsätze Bultmanns ediert, in denen es ihm immer wieder darum ging, an der Einheit von Glauben und Rationalität in der Zeit des naturwissenschaftlich-technischen Fortschritts festzuhalten. Bultmann öffnet dazu den Glauben dem reflexiven Bewusstsein, weshalb ihm die Inhalte des Glaubens aussagbar werden im Kontext menschlichen Selbstverständnisses: An der Jenseitigkeit Gottes etwa lernt der Mensch, dass Gott prinzipiell unverfügbar ist. An der Allmacht Gottes kann der Mensch sich als Empfangender begreifen. Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis stehen in engem Zusammenhang.

Diese Reflexivität der Offenbarung ist der Kern der so genannten Entmythologisierung: Die Auslegung biblischer Texte wird davon befreit, die religiöse Bilderwelt nur direkt, sozusagen eins zu eins, übertragen zu können. Hier interessiert dann nicht, ob das Grab Christi leer war. In der Einheit von subjektiver und objektiver Wahrheit ereignet sich vielmehr die Glaubensentscheidung. Entschieden wird dabei nie über die Wahrheit eines zurückliegenden Ereignisses, sondern für die Offenbarung Gottes im Akt der Auslegung dieses Ereignisses. "Es gibt also nur ein Wunder: das der Offenbarung."

Bultmanns theologische Konzeption denkt in der Einheit von historischer und systematischer Wissenschaft. Er sucht in den historischen Zeugnissen des Neuen Testaments nach dem jeweils leitenden Existenzverständnis, an das der Interpret anknüpfen kann, indem er sich selbst darin auslegt.

Formal entsprach Bultmanns Denken der Daseinsanalyse Martin Heideggers, doch von der Sache her war über die Grundzüge seiner Theologie schon vor der Begegnung mit dem Philosophen entschieden. Die landläufige Kritik an Rudolf Bultmann lautete denn auch, Bultmann sitze mit seiner Theologie einer philosophischen Denkform auf. Diese Kritik verkennt, wie sehr diese Denkform auch durch theologische Einflüsse geprägt ist. Existentiale Analyse des Daseins und die existentiale Theologie stellen die Frage, warum der Mensch seine Existenz aus der Überlieferung und Geschichte, aus den Sinnangeboten und Rollenzuteilungen der Welt nicht mehr verstehen kann. Sie fragen nach der Möglichkeit, wie der Mensch selbst sein kann, und halten damit seine Existenz gegenüber allen Zumutungen, irgendwer sein zu sollen, für jeweils neue Entscheidungen und Möglichkeiten offen. Beide verstehen deshalb die Zukunft des Menschen nicht als zeitlichen Ausstand, sondern als "existenziellen Bevorstand" von Entscheidungsmöglichkeiten. Darin erweist sich Bultmann gerade heute wieder als aktuell. In der Theologie Bultmanns rückt die Eschatologie von einer Zeitkonzeption ab, die den Menschen auf eine bessere Zukunft vertrösten oder für die Herbeiführung besserer Verhältnisse vereinnahmen möchte. Eschatologisch existiert der Mensch, insofern ihn Gott immer wieder vor die Entscheidung für oder gegen ihn stellen kann. Die Aufforderung zur Entscheidung allerdings ist nicht systematisch abzuleiten und etwa als innere Stimme zu hören, sondern liegt in der geschichtlichen Zuwendung Gottes zum Menschen, wie sie in der Sendung seines Sohnes geschehen ist und wie sie sich durch die Predigt seines Wortes immer wieder ereignen kann. Mit seinem Freund Martin Heidegger verbindet Bultmann nicht zuletzt der pragmatische Ansatz, die Künstlichkeit der Trennung von Denken und Handeln zu überwinden. Auch Bultmann möchte in seiner Theologie nicht mehr zwischen Verstehen und Handeln im Sinne einer Stufenfolge unterscheiden. "Das Wort ist gar nicht gehört, wenn es nicht das Tun ist."

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