Gesundheit : Rückfall in die Depression

Viele psychisch Kranke brechen ihre Therapie ab – deshalb sollen Ärzte und Kliniken künftig anders zusammenwirken

Adelheid Müller-Lissner

Über die häufigste psychische Krankheit wird selten ernsthaft gesprochen. Wenn ein Fußballstar unter einer Depression leidet, kann sich das für kurze Zeit ändern. „Ich bin froh, dass er sich geoutet hat“, sagte Psychiatrieprofessorin Isabella Heuser vom Klinikum Benjamin Franklin der Charité, als vor kurzem von einem Rückfall des Bayern-Stars Sebastian Deisler berichtet wurde.

70 Prozent der Patienten erleben nach ihrer Auskunft im ersten Jahr einen solchen Rückfall. Jeder fünfte von ihnen landet innerhalb von zwei Jahren nach dem ersten Klinikbesuch wieder im Krankenhaus. Häufigster Grund ist, dass die Medikamente zu schnell abgesetzt werden. Das wiederum liegt oft daran, dass der Kontakt zum behandelnden Arzt abreißt.

„Die Patienten werden zu lange allein gelassen, daraus resultieren hohe Abbruchraten“, kritisierte Mathias Berger von der Uni Freiburg, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, jetzt beim Jahreskongress seiner Fachgesellschaft. Mehr als 4000 Teilnehmer kamen dazu vergangene Woche ins ICC nach Berlin. Sie stellten ein Rahmenkonzept für die umfassende Versorgung depressiver Patienten vor. Es soll die fachliche Basis für neue Versorgungsnetze bilden, in denen Hausärzte, Psychotherapeuten, Kliniken und Reha-Einrichtungen nach dem Willen der Politik in Zukunft organisiert zusammenwirken können. Die Behandler sollen dabei in Qualitätszirkeln, bei Fall-Konferenzen und auch am Telefon häufig miteinander in Kontakt treten. Denn zur Behandlung gehören Medikamente und Psychotherapien, die spezifisch auf die jeweilige Erkrankung zugeschnitten werden müssen.

„Antidepressiva sind nur eine Komponente der Therapie. Und wenn man sich entschließt, sie zu verordnen, dann muss man das auch richtig tun“, sagte Jürgen Fritze, gesundheitspolitischer Sprecher der Fachgesellschaft. Neben dem zu frühen Absetzen gelten zu niedrige Dosierungen und zu häufige Wechsel der Mittel als problematisch.

Doch wie wirken Antidepressiva? Indem sie die Bildung neuer Nervenzellen anregen? Diese Frage kam auf, als vor einigen Jahren klar wurde, dass Nervenzellen überhaupt „nachwachsen“ können. Bewiesen wurde das für die Region des Hippocampus, die mit Lernen und Gedächtnis zu tun hat. Stress, der auch Depressionen auslösen kann, vermindert die Bildung neuer Nervenzellen. Es kommt zu einem Ungleichgewicht zwischen Auf- und Abbau.

Forscher der Yale Universität konnten umgekehrt zeigen, dass Antidepressiva gestressten Tieren zu einem Anstieg der Nervenzell-Neubildung verhalfen. „Möglicherweise spielt die Bildung neuer Nervenzellen bei der Behandlung eine entscheidende Rolle“, sagte Fritz Henn vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. Er warnte jedoch davor, daraus gleich eine „Erklärung“ der Depression abzuleiten. Denn unter anderem offenbarten Ratten, die Stress ausgesetzt wurden, schon ein depressionsähnliches Verhalten, bevor die Zellen im Hippocampus abnahmen. Henn vermutet, dass die Verknüpfung der Nervenzellen bei der Entstehung oder Verhinderung einer Depression eine Rolle spielen könnte. „Wenn wir die strukturellen Veränderungen verstehen, können wir neue Wege der Behandlung gehen“, hofft der Psychiater.

Sie sind vor allem deshalb wichtig, weil es eine kleine Gruppe von Menschen mit sehr schweren Depressionen gibt, denen heute keine Therapie wirklich hilft. Für sie könnte ein operativer Eingriff in Frage kommen, der derzeit von zwei amerikanischen und einer deutschen Forschergruppe erprobt wird:

Zunächst zehn schwerst depressive Patienten werden dabei mit einer feinen Elektrode behandelt. Diese wird in den Nucleus accumbens vorgeschoben, eine Schaltstelle im entwicklungsgeschichtlich alten, für Emotionen bedeutsamen limbischen System. Der Arzt verbindet die Elektrode mit einem Stimulationsgerät, das unter die Haut verpflanzt wird und wie ein Herzschrittmacher aussieht. Ziel ist die Stimulation tiefer Hirnareale.

Thomas Schläpfer, der die Pilotstudie an der Uni Bonn leitet, legt Wert auf die Feststellung, dass die Methode sich von früheren einschneidenden Hirnoperationen an Schizophrenen und Sexualstraftätern gründlich unterscheidet: Die Wirkung kann dosiert werden, man kann das System ohne Probleme wieder entfernen. Nebenwirkungen wie Blutungen sind nach bisherigen Erkenntnissen rar.

Vor allem aber dient der Eingriff keinen Zielen wie „Anpassung“ oder „leichter Führbarkeit“, die die Psychochirurgie so obsolet machten. Nach den ersten Ergebnissen aus den USA sei er „vorsichtig optimistisch“, sagte Schläpfer.

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