Gesundheit : Rückkehr der Riesenwellen

Ein halbes Jahr nach der verheerenden Flut ziehen Experten Bilanz. Ihre Sorge: Das nächste Beben steht bevor

Roland Knauer

Die Tsunamis vom zweiten Weihnachtsfeiertag im letzten Jahr erreichten zwar riesige, jedoch keine rekordverdächtigen Ausmaße, wie erste wissenschaftliche Studien nun zeigen. Größere Beben könnten folgen. In der Nähe der indonesischen Stadt Banda Aceh drangen die Riesenwellen drei bis vier Kilometer weit in das Land ein und stiegen auf Höhen bis zu 31 Meter über dem normalen Meeresspiegel, hat Jose Borrero von der Universität von Südkalifornien in Los Angeles festgestellt (veröffentlicht in: „Science“, Band 308, Seite 1596). An einigen Stellen stand das Wasser dort für kurze Zeit bis zu 15 Metern hoch über dem Grund – wer in diese Fluten geriet, hatte kaum eine Chance zu entkommen.

Wer über Tsunamis Bescheid wusste, konnte den Fluten durchaus davon laufen, berichtet eine weitere Gruppe US- Wissenschaftler („Science“, Band 308, Seite 1595): In Sri Lanka war die erste Welle gerade einmal einen Meter hoch. Verheerungen richtete erst die zweite Welle an, die sich bis zu zehn Meter über dem Land auftürmte, aber erst zehn Minuten nach der ersten eintraf.

In einem Küstendorf hatte ein Seemann zwei Jahrzehnte vorher einen anderen Tsunami in Chile beobachtet und erkannte die nahende Katastrophe schon an der ersten, relativ harmlosen Welle. Als er seine Nachbarn warnte, rannten sie gemeinsam auf einen nahen Hügel. Von den mehreren hundert Dorfbewohnern starb nur einer in den Fluten.

Die Wissenschaftler kommen darüber hinaus zum Schluss, dass der Tourismus die verheerende Wirkung der Tsunamis noch verstärkt hat: An manchen Stellen hatten Hoteliers in den Jahren vor den Riesenwellen Sanddünen entfernen lassen, die den Blick aufs Meer versperrten. Dort liefen die Wellen deutlich höher auf und riefen viel mehr Zerstörungen hervor als in benachbarten Regionen ohne solche Eingriffe. Andernorts wurden aus touristischen Gründen im Meer die Korallen abgebaut, die normalerweise die Wucht von Tsunamis mildern. In diesen Gebieten liefen die Riesenwellen ungebremst auf die Küste. Dort türmte sich das Wasser mehr als acht Meter hoch und riss den Passagierzug Sumadra Devi aus den Gleisen, in dem mehr als 1000 Menschen starben.

Aus solchen Ergebnissen lassen sich Lehren für den Schutz vor weiteren Tsunamis ableiten, die bald erneut an die Küsten der betroffenen Region rollen könnten. John McCloskey von der Ulster-Universität in Nord-Irland und seine Kollegen warnen die Menschen der Region jedenfalls vor möglichen neuen Katastrophen („Nature“, Band 435, Seite 756). Bereits Mitte März hatten die gleichen Wissenschaftler Aufsehen mit einer Analyse erregt, nach der das mit einer Stärke von 9,3 zweitstärkste Erdbeben in der Geschichte der Seismologie neben der Auslösung der verheerenden Tsunamis am zweiten Weihnachtsfeiertag auch noch starke zusätzliche Spannungen unter die Inseln südlich seines Epizentrums gepumpt hätte. Dort drohe in absehbarer Zukunft daher eine weitere starke Erschütterung. Schon elf Tage später bestätigte am Ostermontag, dem 28. März 2005, ein gewaltiges Erdbeben mit einer Stärke von 8,7 die Prophezeiung der Forscher und tötete rund 2000 Menschen auf der Insel Nias.

Dieses siebtstärkste Erdbeben seit Beginn der exakten Messungen vor mehr als 100 Jahren lud den noch weiter im Süden gelegenen Regionen zusätzliche Spannungen auf, haben die Wissenschaftler jetzt ausgerechnet. Um die Mentawi-Inseln sammeln sich die Spannungen seit dem 18. Jahrhundert an. Das Beben vom Ostermontag könnte diese Region nun erneut mit ausreichend Spannung für ein Megabeben versehen haben.

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