Gesundheit : Ruhe vor dem Herbststurm

Kurt Kutzler will wieder Präsident der TU Berlin werden. Seine Gegner schwören Loyalität – und halten sich doch bereit

Uwe Schlicht

An der Technischen Universität Berlin gärt es. Im Wintersemester steht die Präsidentenwahl bevor. Der heutige Präsident Kurt Kutzler ist 64 Jahre alt, und mit dem Informatiker Peter Pepper stünde ein wesentlich jüngerer ausgewiesener Wissenschaftler und Wissensmanager bereit. Pepper will eigentlich Präsident werden, aber als er seine Kandidatur im Juni anmeldete, holte er sich eine blutige Nase.

Seitdem ist keine Ruhe mehr an der TU eingekehrt. Die einen suchen nach wie vor nach einem Kandidaten, der gegen Kutzler antreten würde. Die anderen sagen, jetzt sei der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für einen Präsidentenwechsel: Das Beispiel der Humboldt-Universität wirkt abschreckend. Dort soll im November ein neuer Präsident gewählt werden, aber seit Wochen ist mehr von Absagen als von hoffnungsvollen Kandidaten zu hören. An der TU wollen die Meinungsführer der Mehrheitsfraktionen jeden Anschein einer Krise vermeiden.

Denn die Technische Universität kann sich eine Krise noch weniger leisten als die Humboldt-Uni, die als Elite-Hochschule gehandelt wird. Die Berliner TU ist dagegen noch entfernt von einem Platz unter den ersten vier technischen Universitäten in Deutschland. Aachen, München, Stuttgart, Karlsruhe – die Führungspositionen sind vergeben. Ob die Berliner auf den fünften Platz gehören oder diesen schon an die aufstrebende Technische Universität Dresden verloren haben, ist eine offene Frage.

In dieser Situation möchte die TU möglichst glatt durch die Präsidentenwahl kommen. Die beiden Fraktionen der Unabhängigen Professoren (Konservative) und der Liberalen schließen die Reihen fest hinter Kurt Kutzler. Die linke Reformfraktion befindet sich in einer Minderheitenposition und dürfte kaum einen eigenen Präsidentschaftskandidaten präsentieren.

Vor drei Monaten gab es eine interne Palastrevolution innerhalb der Gruppe der Unabhängigen Professoren der TU: Der profilierte Informatiker Peter Pepper sah die Zeit für einen Wechsel gekommen und meldete seinen Führungsanspruch an. Pepper war immerhin viele Jahre Sprecher der Unabhängigen Professoren im Akademischen Senat und ist im wichtigen Kuratorium immer noch deren wortmächtiger Anwalt. Keiner will es sich mit ihm verderben. Dennoch unterlag er in der Abstimmung und gab am Ende eine Loyalitätserklärung ab. Pepper versprach, dass er auf keinen Fall gegen Kurt Kutzler kandidieren werde.

Seitdem wird hinter den Kulissen über die Vorzüge und Mängel des derzeitigen Präsidenten diskutiert. Kutzler ist ein erfahrener Gremienkämpfer, und das seit Jahrzehnten. Die Konservativen haben ihn seit 1987 als ihren zuverlässigen Vorkämpfer gesehen und seitdem dreimal in die Position eines Ersten Vizepräsidenten gewählt, bevor er 2002 nach dem überraschenden Tod von Jürgen Ewers als dessen Nachfolger zum Präsidenten der Technischen Universität gekürt wurde.

Diese Entwicklung muss man kennen, um Kritiker und Anhänger der Politik Kutzlers verstehen zu können. Die Gruppe der Kritiker hat ihren Kern unter den TU-Informatikern. Innerhalb der Initiative Unabhängiger Professoren, die das Zentrum der Kutzler-Fraktion bildet, wird ihre Stärke auf etwa zehn Hochschullehrer geschätzt. Das sind zehn Abweichler gegenüber 70 Kutzler-Anhängern. Die Kritiker argumentieren, Kurt Kutzler führe sein Präsidentenamt selbstherrlich und lege gegenüber Skeptikern einen ruppigen Stil an den Tag. Er sei nicht in der Lage, Aufgaben zu delegieren. Im Vergleich zu den anderen Berliner Unipräsidenten spiele er eine Nebenrolle. Um im Amt zu bleiben, mache Kutzler zu viele Zugeständnisse an die linke Reformfraktion. Dadurch würden klare Konzepte für die Veränderung der TU verwässert.

Der Informatiker Pepper ist nicht der einzige Anwärter für das Präsidentenamt. Auch der derzeitige Erste Vizepräsident Jörg Steinbach will eines Tages TU-Präsident werden. Im Augenblick hat auch er versprochen, nicht zu kandidieren und als Erster Vizepräsident in der nächsten Amtszeit einem Präsidenten Kutzler loyal zur Seite zu stehen. Sollte Pepper aber doch noch gegen Kutzler antreten, wolle er in einer Kampfkandidatur dagegenhalten, erklärte Steinbach jetzt gegenüber dem Tagesspiegel. Der Vizepräsident betont allerdings, dass er Peppers Vorstoß vom Juni „für absoluten Quark“ halte. Die Ruhe an der TU sei dadurch gefährdet. Seine Liberale Fraktion stehe fest zum Bündnis mit Kurt Kutzler, sagt Steinbach.

„Wir brauchen Ruhe an der Technischen Universität“, sagt auch der Sprecher der Initiative Unabhängiger Professoren im Akademischen Senat, Lutz-Günther Fleischer. Große Veränderungen stünden an, die Kontinuität im Präsidentenamt erforderten. Tatsächlich hat sich die TU für die nächste Zeit viel vorgenommen: Sie bewirbt sich im Exzellenzwettbewerb um Graduiertenschulen und Forschungscluster. Sie muss die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master bewältigen. Gleichzeitig will die TU ein Zehn-Millionen-Euro-Programm starten, um ihre Defizite in der Lehre auszugleichen. Außerdem benötigt die Uni dringend eine neue Grundordnung für die Mitbestimmung in den Gremien.

An der Technischen Universität wird immer wieder ein Vergleich zwischen Kurt Kutzler und dessen Vorgänger Jürgen Ewers gezogen. Als 1997 der Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Ewers mit einer Stimme Mehrheit zum TU-Präsidenten gewählt wurde und in der Folgezeit einen Reformplan nach dem anderen aus der Tasche zog, hatte er zwar eine gute Presse. Aber spätestens im Kuratorium, wo sich die unterlegene linke Reformfraktion auf die politische Unterstützung von Abgeordneten der Sozialdemokraten, PDS und Grünen sowie auf die Stimmen der Gewerkschaftler verlassen konnte, wurden Ewers’ Reformen verzögert und verwässert. Fleischer meint, dass Kurt Kutzler aus diesen Erfahrungen die richtigen Konsequenzen gezogen hat: Ewers sei ein Visionär gewesen, der schnell Ideen gebären konnte. Bei deren Umsetzung habe er aber weniger Leute mitgenommen als Kurt Kutzler. „Kutzler ist nicht so marktschreierisch und organisiert seine Politik der Veränderung mit Bedacht“, sagt Fleischer.

Kurt Kutzler will aus den Semesterferien mit einem klaren Konzept für den Präsidentenwahlkampf zurückkehren. Er erwarte, dass die Unabhängigen Professoren bei aufkommenden Intrigen „umso geschlossener hinter mir stehen werden“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben