Gesundheit : Rumänien: Der Kleinbauer bleibt der Betrogene

Heiko Schwarzburger

Das Rumänische Kulturinstitut duckt sich hinter hohe Mauern in der Königsallee im Grunewald. Die mondäne Villa ist in gutem Zustand. Eine edle Steintreppe führt zur Bibliothek in den ersten Stock. Dort dominieren braune Holztäfelung und alte, gewichtige Regale voller Bücher. Die Besucher des Vortragsabends, den die Rumänen mit dem Wissenschaftskolleg organisierten, dämpfen unwillkürlich ihre Stimmen.

Als sich das Geflüster legt, richtet sich die Aufmerksamkeit nach vorn, auf Katherine Verdery. Auch die grauhaarige Anthropologin von der Universität Michigan spricht betont leise, als sie gleich zu Beginn ihres Vortrags ein vernichtendes Urteil fällt: "Für die rumänischen Kleinbauern hat das Land als Quelle persönlicher und sozialer Identität zweimal an Wert verloren: Als es ihnen von den Kommunisten genommen wurde, und noch einmal heute, unter den Bedingungen des so genannten freien Marktes."

Katherine Verdery spricht über die Rückgabe der ehemaligen Staatsländereien an die Bauern. Ein Problem, das den ganzen Osten und Südosten unseres Kontinents seit zehn Jahren in Atem hält. Seit 1973 hat die Wissenschaftlerin in Siebenbürgen geforscht, damals noch mit höchster Genehmigung des Diktators Ceausescu. Insgesamt fünf Jahre brachte sie damit zu, die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Veränderungen im ländlich geprägten Siebenbürgen zu beobachten.

Mit dem Ende des Diktators 1989 trat Rumänien die Rückkehr in den Kreis der demokratischen Gesellschaften an. Das in den 50-er Jahren enteignete Land sollte den Bauern zurückgegeben werden, damit sich - automatisch - eine funktionierende Agrarwirtschaft einstellen könnte. Das glaubten die Rumänen, entsprechend beraten von den Experten der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds und der EU-Entwicklungsbank. "Doch das war ein Irrtum", kritisierte Katherine Verdery. "Das Privateigentum ist kein Naturgesetz, sondern es existiert in gesellschaftlichen Zusammenhängen. Die meisten Kleinbauern haben zwar ihr Land wieder. Aber sie sind nicht mehr in der Lage, es effektiv zu bearbeiten. Traktoren, Saatgut und Dünger sind viel zu teuer und werden nur gegen harte Währung gehandelt."

Versorgung durch Importe

Obwohl das sozialistische Regime in Bukarest nun schon zehn Jahre vorüber ist, hat sich Rumäniens Landwirtschaft längst noch nicht erholt. Die Versorgung wird durch teure Importe aus Westeuropa gesichert. Noch hungert niemand, doch die Aussichten sind düster: Um das Schlimmste zu verhindern, dürfte Rumänien nach dem EU-Beitritt zum Schwarzen Loch für EU-Agrarsubventionen werden. Ganz ähnlich wie Polen, Tschechien oder Ungarn. Der Westen braucht die Bauern in den künftigen Mitgliedsstaaten eigentlich nicht, sondern lediglich einen Absatzmarkt für seine eigenen Produkte.

Siebenbürgen war vor dem Krieg eine Region, in der auf kleinen, hügeligen Schlägen vor allem Viehzucht betrieben wurde. Die Rumänen und die deutschen Volksgruppen hatten sich über Jahrhunderte arrangiert. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges kamen die Russen und verschleppten über 25 000 Rumäniendeutsche in den Gulag. Andere wanderten nach Deutschland aus. Von rund 800 000 (1945) Rumäniendeutschen blieben bis heute nur rund 100 000 in der bergigen Region, die sich gegen das flache Moldawien und die Ebenen um Bukarest durch die Siebenbürger Alpen und die Karpaten abgrenzt. Die meisten Ländereien waren früher nicht größer als fünf bis sieben Hektar.

Das Land gehörte Frau und Mann gemeinsam. Es war Mittelpunkt der Familie. Zugleich war es Quelle des Stolzes und des sozialen Ansehens. Landlose Dorfbewohner oder Zigeuner wurden als charakterlos betrachtet. Wer Land besaß, zeigte seine Früchte, um als guter Mensch zu gelten. 1948 begannen die Kommunisten zuerst damit, die kirchlichen Ländereien zu enteignen. Die Rumänen sind mehrheitlich katholisch, die Deutschen Lutheraner. Nach sowjetischem Vorbild folgte dann in den 50-er Jahren die Kollektivierung. Doch anders als Stalin nutzten die rumänischen Kommunisten vor allem Zwangsabgaben, die engen Familienbande und die Begehrlichkeiten von landlosen Emporkömmlingen in der Partei aus, um sich in den Besitz der Ländereien zu bringen. "Gewalt wurde nur in Ausnahmefällen angewendet", erzählte Katherine Verdery, die zahlreiche Zeitzeugen in Siebenbürgen befragt hatte. Sie begleitete auch Vermessungstrupps und Vertreter der "Landkommission", die 1991 die alten Ländereien wieder zurückgeben sollte.

Die Anthropologin durchforstete alte Grundbücher und Archive, denn das neue Landrecht in Siebenbürgen geht wie schon vor dem Krieg auf das alte Landrecht der Habsburger zurück. "Derzeit sind in ganz Rumänien mehr als eine Million Gerichtsverfahren zur Rückübertragung von Land anhängig", berichtete sie. "Das kann noch Jahrzehnte dauern." Seit der Kollektivierung durch die Kommunisten sind die ehemals nahe beieinander wohnenden Bauernfamilien in alle Winde zerstreut. Auch landlose Menschen, die sich auf den Staatsfarmen um die Ländereien kümmerten und damit ihren Wert erhielten, melden Ansprüche an. "Die Streitigkeiten zerstören auch die Solidarität innerhalb der Familien", urteilte Katherine Verdery. "Landbesitz wird heute nicht mehr positiv bewertet, sondern viel mehr als Last."

Die Folge ist Landflucht

Über 90 Prozent aller Kleinbauern in Siebenbürgen können ihre Schläge und Weiden nur mit Muskelkraft und Haustieren bearbeiten, denn Technik und Saatgut sind unerschwinglich. Sie behalten deshalb nur ein paar Beete und vermieten ihre Handvoll Hektar an industrielle Großbauern, die oft aus anderen Regionen stammen. Unter Ceausescu stand jedem Bauern ein halber Hektar zur Eigenversorgung zu, der den gröbsten Hunger im ärmsten europäischen Land des Sozialismus verhinderte. Heute flüchten viele Arbeitslose aus den ruinierten Industriezentren zurück in ihre Heimatdörfer, um dort im Kreise ihrer Familie wenigstens das Nötigste zum Leben zu "ackern". Doch von einem funktionierenden Agrarmarkt kann auf lange Sicht keine Rede sein.

"Manchmal hat man den Eindruck, als sei dies nie das Ziel der neuen Regierung oder der Europäischen Union gewesen", kommentierte Katherine Verdery. "Die Preise sind staatlich reglementiert, die Inflation schießt in den Himmel. Aber für kleine Bauern gibt es keine billigen Kredite, die ihnen eine echte Chance zum Neubeginn bieten könnten."

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