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Die Akademie und Berlins Unis setzen auf die Lebenswissenschaften

Uwe Schlicht

Die großen Universitäten wetteifern mit Projekten zu den Lebenswissenschaften. Nun reiht sich auch die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften in diesen Kreis ein. Zur gleichen Zeit versucht die Humboldt-Universität in enger Zusammenarbeit mit der Charité ein eigenes Berliner Profil in den Lebenswissenschaften herauszuarbeiten. Seit dem Amtsantritt des neuen HU-Präsidenten Christoph Markschies gilt die Devise, man dürfe die Lebenswissenschaften nicht allein den Biologen und Medizinern überlassen – auch die Theologen und die Philosophen sowie die Gesellschaftswissenschaftler hätten zu dem Thema einiges zu sagen.

Die Ethik ist auch für Volker Gerhardt, Mitglied der Akademie und Philosophieprofessor an der Humboldt-Universität, ein wichtiger Ansatz. Bei der Vorstellung der neuen Arbeitsgruppe der Akademie zum Thema „Humanprojekt – zur Stellung des Menschen in der Natur“ erklärte er unlängst, dass die Hinwendung zur Ethik noch 1999 auf Bedenken stieß, ein Jahr später jedoch mit der Entschlüsselung des Genomprojekts plötzlich in den Mittelpunkt gerückt sei.

Die neue Arbeitsgruppe der Akademie, die von den Philosophieprofessoren Julian Nida-Rümelin und Volker Gerhardt sowie dem Vorstandsvorsitzenden der Charité Detlev Ganten geleitet wird, will in drei bis fünf Jahren ihre Ergebnisse vorlegen. Die Arbeitsgruppe nähert sich dem Thema Lebenswissenschaften in vier Teilschritten: der Frage der Freiheit und damit dem Grundproblem, ob durch die Natur die Menschen in ihren Anlagen bereits so weit vorbestimmt sind, dass man von Freiheit des Willens eigentlich nicht sprechen könnte. Die Frage ist zugleich für Juristen interessant, weil die Rechtsprechung ja von der Freiheit des Willens ausgeht. Anders könnte sie kaum die Strafjustiz rechtfertigen. Die These mancher Neurowissenschaftler, die Menschen seien durch ihre Hirnstruktur in ihrem Denken und Handeln vorherbestimmt, möchten sie kritisch überprüfen.

Der zweite Teilschritt wird sich mit dem Bewusstsein beschäftigen, der dritte mit Fragen der Anerkennung bei Menschen, aber auch bei Tieren. Die Evolution der Freiheit soll zurückverfolgt werden bis zu Vorformen der Freiheit in der Natur, insbesondere auch bei Tieren. Am Ende steht als vierter Schritt die Frage, wie sich die Menschen in der Zukunft weiterentwickeln können, wenn das Erbgut verändert wird oder Manipulationen des Bewusstseins um sich greifen. Die Arbeitsgruppe sucht auch die Kooperation mit Angehörigen der jungen Akademie.

Dass gleichzeitig die Lebenswissenschaften ein Projekt im Exzellenzwettbewerb der deutschen Universitäten sind und sich Berlin hier in Kooperation von Charité, HU und FU aufstellt, stört die Arbeitsgruppe nicht. Der Vorteil der Akademie sei es, dass man sich viel mehr Zeit für die Klärung der wichtigen Fragen nehmen könne als eine Universität, die im Exzellenzwettbewerb stehe, erklärte Volker Gerhardt.

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