Gesundheit : Russland, Japan und China bauen neue Kernreaktoren Weltweit setzen Betreiber auf bessere Sicherheitskonzepte

Frank Schubert

Deutschland steht mit dem Ausstieg aus der Kernenergie international weitgehend allein da. Zahlreiche Länder gehen derzeit genau den entgegengesetzten Weg: Sie setzen auf den Ausbau der Kernenergie.

In den USA ist für die 104 derzeit laufenden Kernkraftwerke eine Verlängerung der Betriebslizenzen von 40 auf 60 Jahre geplant. Japan und China bauen jeweils drei neue Reaktorblöcke. Russland will bis zum Jahre 2050 die Kapazität der Kernenergie von 22 auf 50 Gigawatt erhöhen. Und selbst in Schweden, das sich 1980 für den Ausstieg aus der Kernenergie entschieden hatte, ist der ursprünglich geplante Ausstiegstermin mittlerweile aufgehoben.

„Bis zum Jahre 2020 wird der weltweite Bedarf an Elektrizität um 60 Prozent steigen, und ich wage zu behaupten, dass dieser Bedarf nicht von Windmühlen gedeckt werden kann“, sagte Charlie Pryor auf der Jahrestagung Kerntechnik in dieser Woche in Berlin. Der Hauptgeschäftsführer der British Nuclear Fuels (BNFL) sprach über die Zukunftsperspektiven der Atomenergie. Den deutschen Weg des Ausstiegs aus der Kernenergie beurteilt er kritisch.

Derzeit sorgen Kernkraftwerke für etwa 30 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms – ohne Kohlendioxid auszustoßen. „Durch kerntechnische Anlagen werden in Deutschland jährlich 165 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Emission verhindert", rechnet Pryor vor. Die Kerntechnik, so betonen die Betreiber, sei ein robustes und klimafreundliches Produkt.

Auffangbecken für die Kernschmelze

Allerdings räumen auch sie ein, dass es große Probleme in der öffentlichen Akzeptanz gibt. Nach wie vor wird Kerntechnik vor allem in Verbindung mit Sicherheitsrisiken gesehen. Weiterentwickelte Reaktortypen mit neuen Sicherheitssystemen sollen das Unfallrisiko drastisch reduzieren.

Ein Beispiel hierfür ist der neue europäische Druckwasserreaktor EPR. „Selbst wenn es bei diesem Reaktor zum schlimmsten angenommenen Fall einer Kernschmelze kommt, gelangt keine Radioaktivität nach außen“, sagte Wolf-Dieter Krebs, bis vor kurzem Vorsitzender der Kerntechnischen Gesellschaft. „Eine Evakuierung der Umgebung ist nicht notwendig."

Ermöglicht wird diese Sicherheit vor allem durch eine Art Auffangbecken, den „Core-catcher“, unter dem Reakor-Druckbehälter. Wenn alle Kühlsysteme versagen und der Kern schmilzt, gelangt die Kernschmelze in dieses Becken, wo sie sich großflächig und dünnschichtig verteilt. Anschließend wird das Bassin geflutet und die Kernschmelze abgekühlt. Sie erstarrt und kann nicht weiter zum Boden durchschmelzen.

„Es ist jedoch extrem unwahrscheinlich, dass eine solche Kernschmelze überhaupt eintritt", sagte Krebs. „Wir reden hier über Wahrscheinlichkeiten von Eins zu zehn Millionen."

Zu den weiterentwickelten Reaktortypen mit höheren Sicherheitsstandards gehören auch der Druckwasserreaktor AP 1000 und der Siedewasserreaktor vom Typ SWR 1000. Bei beiden ist es jedoch kein „Core-catcher“ installiert, der im Falle einer Katastrophe die Folgen einer Kernschmelze zu beherrschen hilft. Der Reaktordruckbehälter kann in diesem Falle ausreichend von außen gekühlt werden, um zu verhindern, dass sich die Kernschmelze nach unten durchfrisst.

Eines der großen Probleme der Kernenergie ist nach wie vor die Endlagerung der radioaktiven Abfälle. Bei der Wahl von Standorten für mögliche Endlager muss gewährleistet sein, dass die geologische Entwicklung des Geländes auf sehr lange Zeit stabil verläuft - die Rede ist von mindestens einer Million Jahren. Trotzdem plädierten die Fachleute auf der Tagung dafür, dass auch künftigen Generationen diese Energie-Option offen bleibt. „Für nachhaltige Entwicklung sind alle Energieträger notwendig", sagte Ralf Güldner, Vorsitzender der Kerntechnischen Gesellschaft.

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