Gesundheit : Saat der Angst

Allergien, Resistenzen, fremde DNS im Darm – wie gefährlich ist die grüne Gentechnik?

Hartmut Wewetzer

Richtig gruslig sieht es aus, wenn Greenpeace eine Aktion gegen genetisch veränderte Pflanzen macht. Verkleidet mit Atemschutzmasken und Schutzanzügen rücken die Umweltaktivisten an, um den „Gen-Pflanzen“ mit der Sichel den Garaus zu machen, Transparente auszurollen und grelle Warnschilder aufzustellen: „Vorsicht Genmais.“

Die Saat ist aufgegangen. Zumindest aus Europa haben sich Pflanzenbiotechnik-Firmen weitgehend zurückgezogen. Seit dem von der Europäischen Union 1999 verhängten Moratorium für den kommerziellen Anbau ist die Zahl der Feldversuche um 87 Prozent zurückgegangen – von 254 im Jahre 1998 auf schätzungesweise 33 im vergangenen Jahr. Zum Vergleich: in den USA werden jährlich rund 1000 derartige Versuche gemacht.

Aber wie gefährlich sind die Pflanzen aus dem Genlabor für uns Menschen wirklich? Sind gentechnisch veränderte Pflanzen riskanter als andere Nutzpflanzen?

Für Kritiker wie Greenpeace oder den „Bund für Umwelt- und Naturschutz“ (Bund) steht die Ökologie im Vordergrund. In ihren Augen sind „Gen-Pflanzen“ eine Art Schadstoff, der die Umwelt „kontaminiert" und sich wie ein Krankheitserreger unkontrolliert ausbreitet, wobei „die manipulierten Gene auch auf andere Lebewesen übertragen werden“. „Gen“ gleich „böse“?

Zu Gesundheitsgefahren äußern sich die Kritiker eher unbestimmt. Häufigstes Argument ist eine mögliche Allergiegefahr. So schreibt die Greenpeace-Mitarbeiterin Imke Ide in dem „Spezial: Gefahr Gentechnik“, dass Wissenschaftler „vor neuen Allergien“ durch „Genfood“ warnen würden.

Eine Allergie ist eine (fehlgeleitete) Abwehrreaktion des Körpers gegen ein fremdes Eiweiß. Das Immunsystem bildet Abwehrstoffe (Antikörper) und Abwehrzellen (Mastzellen), die sich auf das fremde Eiweiß stürzen und eine Überreaktion auslösen. Das kann zu heftigen Symptomen führen, etwa zu Heuschnupfen oder zu Asthma-Anfällen.

Allerdings: anders als oft geglaubt sind echte Nahrungsmittelallergien, etwa gegen Erdnüsse, Milcheiweiß oder Soja, eher selten. Zwar glaubt jeder Dritte, er sei gegen bestimmte Nahrungsmittel „allergisch“, aber in der Realität ist nur jeder hundertste Erwachsene von einer echten Nahrungsmittelallergie betroffen. Am häufigsten sind Allergien gegen Hausstaub und Pollen.

„Das Allergie-Risiko ist nicht auszuschließen und muss vor dem Vermarkten geprüft werden. Es besteht allerdings auch in der herkömmlichen Züchtung“, sagt Thomas Altmann, Pflanzengenetiker an der Universität Potsdam. „Denn bei der klassischen Züchtung werden oft Hunderte oder sogar Tausende von Genen einer Wildform in das Erbgut einer Zuchtpflanze eingebaut.“

„Gegenwärtig gibt es keine Hinweise darauf, dass genetisch modifizierte Nahrungsmittel allergische Reaktionen hervorrufen können", lautet das Urteil der Royal Society. Die Wissenschaftsorganisation hat vor gut einem Jahr einen immer noch aktuellen Bericht über grüne Gentechnik und Gesundheit veröffentlicht. „Die Allergiegefahr ist im Prinzip nicht größer als die durch konventionell gezüchtete Pflanzen oder durch Pflanzen, die von anderswo importiert werden.“

Noch eine weitere potenzielle Gefahr wird nicht selten erwähnt. Nämlich die Möglichkeit, dass gentechnisch veränderte Pflanzen die Gefahr durch Infektionserreger erhöhen könnten. Denn bei der Züchtung von gentechnisch veränderten Pflanzen wurde in etwa der Hälfte der Fälle aus Zuchtgründen Resistenzgene gegen Antibiotika in das Genom eingebaut. Diese Gene könnten im menschlichen Verdauungstrakt auf Bakterien übergehen und diese gegen das jeweilige Medikament widerstandsfähig machen.

Auch hier gilt, wie bei den Allergien: diese Möglichkeit ist nicht völlig auszuschließen. Die Experten sind deshalb der Meinung, dass künftig auf Antibiotika-Resistenzgene verzichtet werden sollte. Allerdings liegen die wahren Risiken woanders, nämlich in Tierzucht und Medizin, sagt Kornelia Smalla von der Biologischen Bundesanstalt in Braunschweig. Wenn man die Gefahr von medikamenten-resistenten Bakterien verringern wolle, müsse man in der Medizin „sehr sensibel“ mit Antibiotika umgehen und sie bei der Tierzucht „auf das notwendigste Maß“ beschränken.

Was aber geschieht mit der Erbsubstanz der Pflanzen im menschlichen Verdauungstrakt? Könnten die fremden Gene nicht in unser Erbgut eingebaut werden? Tatsächlich können Säugetiere Spuren von Erbinformation aus pflanzlicher Nahrung in ihre Zellen aufnehmen. Eine nennenswerte Bedeutung für die menschliche Gesundheit hat das jedoch nicht, meint die Royal Society.

Fazit der Forscher: Es gibt keine Hinweise für einen schädlichen Effekt durch bereits zugelassene Gentechnik-Nahrungsmittel. Allerdings ist das kein Freibrief. Jeder Einzelfall, jede neue gentechnisch veränderte Pflanze muss sorgfältig geprüft werden. Was, genau genommen, auch für konventionell gezüchtete neue Sorten gelten müsste.

Allerdings gibt es einen Einwand, der kaum zu widerlegen ist: Niemand könne belegen, dass die Gentechnik unschädlich sei, hört man immer wieder. Oder mit den Worten der Umweltgruppe „Bund“: „Die Risiken von Genfood sind nicht abzusehen.“ Und in der Tat ist es schon rein logisch nicht möglich, nachzuweisen, dass etwas nicht existiert. Ein Wissenschaftler könnte bis ans Ende der Zeit forschen und kein Risiko finden – trotzdem könnte er niemals mit letzter Sicherheit Unschädlichkeit garantieren.

Das bedeutet: es bleibt ein Restrisiko. Wie in allen Bereichen, in denen der Mensch Wissenschaft und Technik in neue Produkte ummünzt. Für die einen ist das der Grund, die neue Technik „hinter Schloss und Riegel zu bringen“, wie der amerikanische Agrarpionier Norman Borlaug die Einstellung der Gegner beschreibt. Andere können sich Borlaugs eigener Meinung anschließen: „Nicht der vernünftige Einsatz der Biotechnologie ist der Feind, sondern der Hunger.“

Mehr im Internet unter:

www.transgen.de

www.royalsoc.ac.uk/gmplants/

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