Gesundheit : Sachsens Hochschulpolitik: Gewinner dieser Runde ist Wissenschaftsminister Meyer

Ralf Hübner

Sachsens Hochschulen müssen sich auf Einschnitte vorbereiten. Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) hatte gerade ein druckfrisches Exemplar des Abschlussberichts der Sächsischen Hochschulentwicklungskommission aus den Händen von Professor Hans Weiler empfangen, da verkündete er schon - ohne auch nur einen Blick in das Werk zu werfen -, dass es "keine lineare Fortschreibung" sächsischer Hochschulpolitik geben werde. Es gehe um ein neues Konzept für die sächsischen Hochschulen.

Wer die Gewinner und die Verlierer des neuen Konzepts sein werden, ist aus dem Bericht zumindest nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Die 17 Kommissionsmitglieder waren klug beraten, die Verantwortung für strukturelle Veränderungen den Hochschulen selbst und vor allem der Politik zu überlassen. Nach der erregten Debatte über den ersten Berichtsentwurf im Herbst bleiben die Empfehlungen jetzt allgemeiner.

Sichtbar wird aber die Grundrichtung. Stanfordprofessor Weiler hob bei der Übergabe des Kommissionsberichts das "nicht unbeträchtliche Maß an Ressourcen" hervor, das die Hochschulen bekommen. Zwar wird Sachsens Sparpolitik heftig kritisiert. Umschichtungen aber werden durchaus befürwortet. Danach sollen insbesondere Professorenstellen einem landesweiten Wettbewerb um die besten Konzepte unterliegen. Wer sich am Strukturwandel kreativ beteilige, müsse Anspruch auf Ressourcen haben, forderte Weiler. Das kann bedeuten, von Kürzungen verschont zu bleiben.

Die Ingenieurwissenschaften stehen im Mittelpunkt des Berichts. Durchgängig wird auf Profilierung, Kooperation und Vernetzung gedrängt und der Abbau von Doppelangeboten gefordert. Virtuelle Lehrangebote und die Gliederung der Studiengänge in feste Einheiten (Module) mit Leistungspunkten, sollen die Studienreform voranbringen. Bei der Biotechnologie in Dresden und Leipzig wird Profilbildung angemahnt.

Offensichtlich trifft der Bericht wegen seiner Unschärfe beinahe auf ungeteilte Zustimmung. So lobt der hochschulpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im sächsischen Landtag und ehemalige Rektor der Leipziger Universität, Cornelius Weiss, dass die Kommission den Hochschulen keine detaillierte Strukturen vorgegeben hat. Die Universität Leipzig sieht sich in einigen ihrer Forderungen bestätigt.

Zurückhaltend bleibt Achim Mehlhorn, Rektor der TU Dresden. Er hat bei erster Lektüre "interessante und anregende Elemente" in dem Bericht entdeckt. Das Papier empfindet er als Herausforderung, den Reformkurs der TU Dresden fortzusetzen, die gerade erst wegen ihrer kurzen Studienzeiten aufgefallen ist.

Die Zurückhaltung Mehlhorns könnte in einer dunklen Vorahnung ihren Grund haben. Wie die Universität Leipzig habe auch die TU Dresden der Versuchung einer eher extensiven Profilbildung nicht widerstehen können, heißt es in dem Bericht. Die Kommission halte jedoch die Entwicklung einer Strategie intensiverer Profilbildung und stärkerer Konzentration im Rahmen arbeitsteiliger Angebote für angemessen. Im Klartext: Die Universitäten in Dresden und Leipzig sollen sich einschränken, mit anderen Hochschulen kooperieren und sich stärker profilieren. Den Rektoraten ist dieser Zungenschlag nicht entgangen.

Die Universität Leipzig bekenne sich zum Prinzip der "Volluniversität" - sie wolle also möglichst viele Disziplinen anbieten, kommentiert Prorektor Adolf Wagner. Nur so könne die Universität ihre Rolle "als wissenschaftliches und geistig-kulturelles Zentrum", als "Orientierungs- und Beratungsstelle für offene Fragen der Gesellschaft und Weltzivilisation überhaupt wahrnehmen". Auch aus Dresden heißt es, die TU werde alles daransetzen, ihr neues Selbstverständnis als Volluniversität zu bewahren und auch in Zukunft ein erfolgreiches und breites Fächerspektrum anzubieten. Die TU hatte ihr Fächerspektrum erst nach der Wende vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaten erweitert. Das klingt nach Widerstand gegen die Empfehlungen.

Eine andere Empfehlung gilt der Bergakademie Freiberg und der TU Chemnitz. Zwar wird die Bergakademie nicht grundsätzlich in Frage gestellt, eine weitere Profilierung und Konzentration des Angebots aber wegen der fehlenden Auslastung unbedingt nahegelegt. Freiberg soll nun konsequent zu einem universitären Zentrum für Umweltwissenschaften entwickelt werden, vergleichbar mit Bayreuth. Vor allem wird eine starke Anlehnung an die TU Chemnitz angeregt. Die Bergakademie Freiberg sei grundsätzlich aufgeschlossen für mehr Zusammenarbeit mit anderen Universitäten, heißt es in einer ersten Reaktion aus Freiberg.

Als Gewinner des Berichtes der Hochschulentwicklungskommission kann sich Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer (CDU) sehen. Meyer stand wegen der geplanten Personalkürzungen in den Hochschule noch im Frühjahr vergangenen Jahres kurz vor dem Rücktritt. Seine Politik wird von der Weiler- Kommission in nahezu allen Punkten bestätigt. Das betrifft vor allem die massive Kritik an den Kürzungen, die vor einem Jahr der damalige Finanzminister Georg Milbradt durchsetzen wollte. In einer ersten Stellungnahme begrüßt Meyer die Forderung nach Einführung von Globalhaushalten. Denn Globalhaushalte bescheren den Hochschulen mehr Autonomie. Meyer möchte einen Vertrag zwischen der Staatsregierung mit den den Hochschulen abschließen, der Sicherheit über die mittelfristig zur Verfügung stehenden Ressourcen geben kann. Damit würde sich Sachsen den Beispielen Baden-Württemberg und Berlin anschließen. Den Intentionen des Ministers dürfte es aber auch entsprechen, wenn in dem Bericht der Weiler-Kommission neben einem intesiveren Wettbewerb zwischen den Hochschulen auch die Auswahlmöglichkeit von Studierenden durch die Hochschulen gefordert wird.

Die Weiler-Kommission hat schließlich zu einem bundesweit umstrittenen Thema Stellung genommen: der Einführung von Studiengebühren in Verbindung mit Bildungsgutscheinen. Die dafür notwendigen Bedingungen zu schaffen, unterliege nicht dem Willen eines einzelnen Landes, meinte die Kommission.

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