Gesundheit : „Sauberes Wasser für alle statt Klimaschutz“ Der Provokateur

Die Mittel im Umweltschutz sollten anders verteilt werden, fordert der dänische Politikwissenschaftler Björn Lomborg Warum Björn Lomborg so viele Umweltschützer aufregt

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Was erwarten Sie vom Johannesburg-Gipfel?

Ich bin da skeptisch. Das Hauptthema von Johannesburg ist „nachhaltige Entwicklung“. Das ist eine merkwürdige Verknüpfung von Entwicklung einerseits, die ein Thema für die Dritte Welt ist, und Nachhaltigkeit andererseits, die für die Erste Welt entscheidend ist. Wir müssen endlich anerkennen, dass Entwicklung die Priorität für den größten Teil der Welt ist. Nur wenn die Dritte Welt wohlhabend sein wird, wird sie die Möglichkeit haben, sich um Nachhaltigkeit so zu sorgen, wie wir es in den reichen Ländern heute tun. Wenn Sie nicht wissen, wo Sie ihr Brot hernehmen sollen, ist es Ihnen egal, was aus der Umwelt in 50 oder 100 Jahren wird. Das interessiert nur uns. Wir haben genug zu essen, ein gutes Bildungssystem, uns geht’s gut. Wir können uns um das Wohl der Welt sorgen.

Aber die globale Erwärmung, der Klimawandel, trifft doch alle.

Die globale Erwärmung wird hauptsächlich die Dritte Welt treffen. Das Kyoto-Protokoll schreibt eine Verringerung des Kohlendioxid-Ausstoßes vor und ist für die entwickelte Welt ein großer Schritt. Aber für den Klimawandel ist er fast bedeutungslos. Die Erwärmung wird bis 2100 nur um sechs Jahre verzögert, konkret um 0,2 Grad Celsius. Dabei geht es um eine gewaltige Menge Geld, um 150 bis 350 Milliarden Dollar pro Jahr, die fast nichts bringen, wenn man die Situation in 100 Jahren betrachtet.

Wofür würden Sie das Geld ausgeben?

Ich glaube, wenn wir uns wirklich um die Dritte Welt Sorgen machen würden, sollten wir dieses Geld oder einen Teil davon für das größte einzelne Problem der Welt geben: für sauberes Trinkwasser und sanitäre Anlagen für jedermann auf der Welt. Das würde 200 Milliarden Dollar kosten, aber zwei Millionen Menschen im Jahr das Leben retten und jährlich eine halbe Milliarde Menschen vor ernsthaftem Kranksein bewahren. Meine Frage ist: Ist es nicht besser, den Menschen jetzt sofort zu helfen, als etwas zu tun, was viel teurer ist und in 100 Jahren nützt, und dann auch nur wenig?

Nachhaltigkeit ist kein wichtiges Ziel für Entwicklungsländer?

Die kommenden Generationen sollen es wenigstens so gut haben wie wir heute. Das ist etwa die Definition von Nachhaltigkeit, wie sie der 1987 der Brundtland-Report der Vereinten Nationen prägte. So gesehen haben wir das Ziel bereits weitgehend erreicht. Die Frage ist nicht, ob die Menschheit schon nachhaltig wirtschaftet, sondern, ob wir noch nachhaltiger werden sollen oder lieber etwas für die Entwicklung zu tun.

Wie wollen Sie sauberes Wasser für alle erreichen?

Man müsste ein Kyoto-Protokoll für die Wasserversorgung erreichen. Ein Alptraum für Politiker. Aber nicht unmöglich.

Auch der Verlust der Artenvielfalt bereitet vielen Umweltschützern Kopfschmerzen.

Wir rotten tatsächlich andere Arten aus. Aber die Größenordnung wird überschätzt. Noch immer grassiert die Vorstellung, dass wir dabei sind, 20 bis 50 Prozent aller Arten in den nächsten Jahrzehnten auszurotten. Das ist einfach nicht wahr. Das wäre eine riesige Katastrophe. Wenn man die UN-Zahlen nimmt, dann sind es 0,7 Prozent aller Arten, die wir in den nächsten 50 Jahren verlieren. Es gibt „Hotspots“ mit besonders vielen Arten. Wir sollten uns überlegen, sie zu kaufen . . . Es käme darauf an, was es kosten würde, diese 0,7 Prozent vielleicht auf 0,3 Prozent zu senken. Aber wir sollten über den ganzen Schmetterlingen nicht vergessen, auch etwas für die Menschen zu tun.

In Ihrem jetzt auf deutsch erschienenen Buch verbreiten Sie die Botschaft, der Zustand der Umwelt ist gar nicht so schlimm. Sollen wir uns keine Sorgen machen?

Was ich wirklich sage, ist, dass die Dinge sich allmählich verbessern. Das heißt jedoch nicht, dass es keine Probleme gibt. Aber es bedeutet, dass wir uns bei allen übriggebliebenen Problemen – und davon gibt es noch immer eine Menge – entscheiden müssen, welche wir in den Griff kriegen müssen. Wir haben keine unendlichen Ressourcen, wir können nicht alles machen. Das Wichtigste müssen wir zuerst anpacken.

Und das wäre?

Für ein Entwicklungsland gibt es viele Probleme, die wichtiger sind als die meisten Umweltfragen. Dort sterben Menschen an Krankheiten, die eigentlich leicht heilbar wären, an Nahrungsmangel und durch allgemeine Armut. Ihnen ist es gleichgültig, ob ihr Essen Spuren von Pestiziden oder was auch immer enthält. Das heißt nicht, dass so ein Problem wie Pestizide unwichtig wäre. Aber es ist nicht annähernd so wichtig wie die Frage, ob man genug zu essen hat.

Das Interview führte Hartmut Wewetzer.

„Apokalypse No!“ heißt Björn Lomborgs Buch auf deutsch. Der ist Programm. Lomborg, dänischer Politikwissenschaftler und einstiger Greenpeace-Anhänger, war eigentlich ausgezogen, die optimistischen Umwelt-Prognosen des amerikanischen Ökonomen Julian Simon zu widerlegen. Aber Lomborg fand Simon in vielen Punkten bestätigt: es gibt ausreichend Rohstoffe, die Welternährung hat sich verbessert, die Umweltverschmutzung wurde zurückgedrängt. Der Globus ist auf dem Weg der Besserung. All das fasste Lomborg in seinem Buch zusammen.

Was folgte, war ein Aufschrei der Empörung in der Umweltschutz-Bewegung. Der aber kam bei vielen eher aus dem Bauch heraus, denn die mit Tabellen und Grafiken gespickte Darstellung des Statistikers Lomborg ist von den Fakten her kaum angreifbar. Aber Lomborg warf Umweltschützern auch vor, zu einseitig, dogmatisch und pessimistisch zu argumentieren. Sein Credo: Die Litanei durch Fakten ersetzen. Lomborg leitet heute das dänische „Enviromental Assessement Institute“. wez

„Apokalypse No!“ ist im „zu Klampen Verlag“ erschienen, hat 570 Seiten und kostet 29 Euro.

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