Gesundheit : Schach: Das Meisterhirn durchschaut

Bas Kast

"Wo lassen Sie denken?" - Was für manche eine unverschämte Frage ist, ist für Hirnforscher eine ernsthafte Angelegenheit. Eine neue Studie im Fachblatt "Nature" etwa stellt genau diese Frage. Wissenschaftler der Universität Konstanz haben dazu 20 Schachspieler in einen Magnetscanner gelegt und ihre Hirnaktivität studiert, während sie gegen einen Computer spielten. Dabei verglichen sie die Hirne von zehn Schach-Großmeistern mit denen von Amateuren, die immerhin schon seit gut zehn Jahren in Turnieren mitspielten. Das Ergebnis: Offenbar benutzen die Großmeister bei ihrem Spiel ganz andere Hirnareale als die Amateure.

"Großmeister greifen mehr auf längst abgelegte Gedächtnisinhalte zurück, während bei den Amateuren Hirnareale aufleuchten, die neue Situationen analysieren und diese ins Langzeitgedächtnis überführen", sagt Psychologe Thomas Elbert, einer der Autoren der Studie. Die Experten spielten eher "aus dem Gedächtnis heraus". "Selbstverständlich benutzen auch die Amateure ihr Gedächtnis", sagt der Forscher. "Bei ihnen aber werden beim Spielen insbesondere auch Hirngebiete aktiv, die neue Gedächtnisinhalte bilden." So mausert sich der Amateur zum Meister.

Der Kopf voller "Chunks"

Dazu ein Vergleich aus dem Alltag: Wer sich zum ersten Mal ins Auto setzt, fühlt sich schon allein von Verkehr, vom Schalten und genauen Dosieren der Kupplung herausgefordert. Muss er sich dann auch noch die Lebensgeschichte des Beifahrers anhören, wird aus der Herausforderung schnell eine Überforderung. Das Hirn ist bereits so stark mit dem Lernen der Grundvorgänge beschäftigt, dass nur noch wenig Raum für Luxus bleibt. Ganz anders die Situation nach drei Monaten, wenn die Fundamente des Autofahrens fest im Hirn verankert sind. Der Großmeister des Fahrens fährt "aus dem Gedächtnis heraus", statt neue Gedächtnisinhalte bilden zu müssen - endlich kann er sich den Beifahrergeschichten widmen. Um auf den Schachmeister zurückzukehren: Dieser kann sich nun ausschließlich auf Strategiefragen konzentrieren.

Wenn man einen Detailblick in das Gehirn der Schachgroßmeister werfen könnte - was genau würde man dort finden? "Riesige Mengen von Chunks", sagt Elbert. Chunks? "Chunks sind Informationen in verpackter Form." Während ein Laie jede Figur einer bestimmten Spielsituation einzeln registriert und abspeichert, nimmt der Großmeister das Brett als eine Handvoll "Chunks" wahr: zehn Figuren werden in eine Einheit gepackt, weil sie in einer sinnvollen Beziehung zueinander stehen. "So können Meister bereits nach einem flüchtigen Blick aufs Schachbrett die Position aller Figuren aus ihrem Gedächtnis rekonstruieren", sagt Elbert. "Das können sie aber nur, wenn die Figuren eine konkrete Spielsituation darstellen. Stellt man sie einfach willkürlich aufs Brett, ist das Gedächtnis der Großmeister so dürftig wie das von uns allen."

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