Gesundheit : Schatzi hat das Wort (Glosse)

Erik Heier

Warum blickt sie mich so komisch an? Sieht gar nicht mehr richtig verliebt aus, meine Schöne. Ist mein Referat über Kant und den transzendentalen Idealismus so miserabel, oder nimmt sie mir das Blockieren des Badezimmers von heute morgen immer noch übel? Meine Kumpels haben mich gewarnt: Junge, die Geliebte im gleichen Seminar, das ist wie eine fortwährende Zwangsberatung. Werden wir ja sehen, habe ich verliebt getönt. Aber dieses Referat heute, das ist der Härtetest für unser weiteres Zusammenleben, definitiv. Hoffentlich rächt sie sich jetzt nicht mit gemeinen Fragen. Nur wegen meiner längeren Dusche.

Wehmütig denke ich zurück. Nicht bis zu Kant, nur bis zum Semesteranfang. An die Seminarauswahl nach Thema, Zeit, Seminarleiter, Frauen im Kurs. Baggern im Seminar hat Vorteile; die Auserwählte erkennt sofort meine inneren Werte: redegewandt, intelligent, kommt über eine Stunde ohne Zigarette aus, also willensstark. Schon bei der ersten Sitzung weiss ich: Diese oder keine.

Trotz ihrer BVG-Monatskarte fahren wir seitdem zum Seminar gemeinsam mit meinem Auto. Das stärkt das Wir-Gefühl, und sie darf mir auf dem Rückweg den kategorischen Imperativ am Beispiel der roten Ampel erklären. Und dann die neidischen Blicke der anderen, wenn wir Arm in Arm den Raum betreten, meist eine Viertelstunde zu spät. Ich bilde mir dann immer ein, sie wären alle gerade solo, das macht dann besonders viel Spaß. Andererseits, wenn wir mal nicht neben einander sitzen, fragt dieser Boris gleich wieder nach, ob noch alles in Ordnung sei. Ausgerechnet Boris. Der wollte im letzten Blockseminar was von meinem Schatzi. Aber Blockseminare sind zu kurz, da läuft meist nichts. Ich mag keine Blockseminare.

Okay, vorgestern gab es wirklich ein bisschen Zoff. Weil ich vergessen hatte, ihr meine Mitschriften von letzter Woche zu kopieren. Gleich hieß es, ich schenkte ihr nicht genügend Aufmerksamkeit. Und nun heute die Sache mit dem Bad und den blöden Fingernägeln. Jetzt kommt ihre Rache.

Da, sie meldet sich. Wusste ich es doch. Aber nicht mit mir. Wenn sie mich jetzt kritisiert, dann mache ich Schluss mit ihr. Sofort. Hier, vor allen Leuten. Dann kann mich der Professor mal mit seinem "Na, ihr-Turteltäubchen"-Lächeln. Dann ist ihr Bad immer frei. Mich hier bloßzustellen. Wie kann ich dann noch bei diesem Professor meine Prüfung ablegen? Ich werde Schluss machen. Jetzt, sie kommt ran. "Ich finde, der Referent hat die Zusammenhänge gut dargestellt". Punkt. Der Professor lächelt. Selbst Boris lächelt. Vor allem aber: Schatzi lächelt. Dieser Blick. Dieses intelligente Kinn. Mein Gott, wie sehr ich sie liebe.

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