Gesundheit : Schau mir in die Augen, Richter

TOM HEITHOFF

Um ein Haar wäre gar kein Team zustande gekommen."Es hat sich einfach kein Dritter gefunden", sagt Paula Hahn, die im siebten Semester Jura an der FU studiert.Irgendwie verständlich, wenn man weiß, wieviel Zeit und Arbeit man zu investieren hat.Ein ausgeprägtes europarechtliches Interesse und viel Energie sind nötig, um an der "European Law Moot Court Competition" teilzunehmen.Bei dem Wettbewerb, in dem jedes Jahr Studenten aus ganz Europa gegeneinander antreten, müssen die Teilnehmer einen fiktiven europarechtlichen Fall bearbeiten.Dafür opfern sie ein ganzes Semester.Dabei wird der Wettbewerb nur mit einem ganz normalen Seminarschein abgegolten, den man auch einfacher, nämlich durch eine Klausur, erlangen könnte.

Die Bereitschaft zur außeruniversitären Arbeit war bei den Kommilitonen von Paula Hahn und Julia Denecke offenbar nicht sehr ausgeprägt, wie die mäßige Resonanz auf den Aufruf zeigte."Viele wollen möglichst schnell durchs Examen rennen und kein Semester verlieren.Abschreckend wirkt auf viele auch die Tatsache, daß die Wettbewerbssprachen Englisch und Französisch sind", erklärt Paula Hahn.

So kommt es, daß man im FU-Team auch den Humboldt-Studenten Felix Hess findet; ein Team benötigt nämlich mindestens drei juristisch denkende Köpfe."Man muß Lust haben, seinen Horizont zu erweitern und Dinge zu lernen, die bei uns nicht trainiert werden: Freie Rede, noch dazu in einer fremden Sprache, das kommt im Studium nicht vor", sagt "Teamchef" Oliver Dörr, wissenschaftlicher Assistent am FU-Institut für Völkerrecht, Europarecht und ausländisches öffentliches Recht.

Im laufenden Wettbewerb ging es um die Frage, ob eine Bierbrauerei eine marktbeherrschende Stellung mißbraucht, wenn sie die Produkte unter Preis anbietet.Die Teams hatten dabei sowohl die Klägerseite als auch die Beklagtenseite anwaltlich zu vertreten.Nach einer schriftlichen Runde halbierte sich die Zahl der teilnehmenden Universitäten von 80 auf 40.Die vier Sieger der getrennt ausgetragenen Regionalfinalrunden (Berlins FU, Brügge, Bonn und Stockholm) werden am 11.und 12.März im ehrwürdigen Gerichtssaal des Europäischen Gerichtshofes in Luxemburg (EuGH) vor leibhaftigen Richtern dieses Hauses um den Gesamtsieg kämpfen.Dabei kommt es nicht nur auf die Argumentation an, sondern auch auf das Auftreten, die gestische und sprachliche Präsenz, darauf, ob und wie man den Richtern in die Augen guckt."Schauspielerei ist ganz sicher dabei", so Dörr, doch den Moot Court auf ein "juristisches Theaterstück" zu reduzieren, wie es in manchen Unis getan wird, gehe doch an der Sache vorbei.Ein Wettbwerb zum Lernen ("auch, daß man in Streßsituationen bestehen kann"), aber auch zur Selbsteinschätzung: "Hier zeigt sich, wer das Zeug zu einem guten Anwalt hat", so Dürr, "oder wer eher ein guter Sachbearbeiter ist." Den Siegern winkt ein Praktikum am EuGH, dem "Allerheiligsten" (Dörr) für Europarechtler.

Zwei Wochen später wird es auch für ein Team der Humboldt-Universität ernst.Vom 21.bis 27.März nehmen sie in Washington an der Finalrunde der "Philip C.Jessup Moot Court Competition" teil, nachdem sie aus der nationalen Vorausscheidung, die Anfang Februar in Weimar stattfand, als Sieger hervorgingen.Zusammen mit der Uni Tübingen haben sie sich unter zwölf beteiligten deutschen Universitäten für die Endrunde des weltweit größten studentischen Völkerrechtswettbewerbs qualifiziert.Hierbei geht es um einen fiktiven Streitfall zwischen zwei Staaten, der vor dem Internationalen Gerichtshof ausgetragen wird: Reiche Investoren aus einem Industrieland haben in die Unterhaltungsindustrie eines Entwicklungslandes investiert.Da dieses sich dem ausländischen Einfluß entziehen will, werden Verträge gekündigt und Aktienanteile aufgelöst.Jetzt muß entschieden werden, ob Ansprüche auf Entschädigung bestehen.

Auch die HU hatte Probleme, ein Team zusammenzustellen."Man muß sich ein ganzes Semester freischaufeln", sagt Bettina Rahn, die im fünften Semester Jura studiert, "da das Fachgebiet völlig neu erarbeitet werden muß.Von Völkerrecht hat man, wenn man im fünften Semester ist, einfach keine Ahnung." Während der dreimonatigen schriftlichen Phase habe das sechsköpfige Team täglich bis zu acht Stunden vor dem Fall gesessen: "Man macht nichts anderes", erinnert sich Bettina Rahn.In Weimar dann traten die Teams, aufgeteilt in Kläger und Beklagte, vor die Juroren-Richterbank.Dabei muß man auch improvisieren können."Man wird von den Richtern oft unterbrochen", erzählt Bettina Rahn, "entweder durch Verständnisfragen oder durch Gegenmeinungen, auf die man eingehen muß." Wohlgemerkt, auf englisch! Das HU-Team hat diese Verhandlungssituationen wochenlang geprobt.Durch Videoaufnahmen bekamen die Studenten ein Gefühl dafür, wie sie auf andere wirken.

Ziel ist es, einen "souveränen Anwalt darzustellen, der auf jede Frage eine kluge Antwort findet" - oder zumindest klug wirkt, wenn er sich um sein Nichtwissen herumschlängelt."Man darf niemals sagen: Das weiß ich nicht." Auch die Taktik muß noch ein wenig an das Gastgeberland angepaßt werden, denn "in Amerika kommt es nicht so sehr darauf an, daß die Rede den Rechtsnormen entspricht", wie der wissenschaftliche Mitarbeiter Georg Reichel sagt.Dort spiele die Überzeugungskraft und der gesunde Menschenverstand eine sehr große Rolle.Die "Moot Courts" haben in Amerika einen viel höheren Stellenwert als hierzulande.Reichel hofft, daß im nächsten Jahr etwas häufiger an seine Tür geklopft wird.Wo sonst bietet sich schon die Gelegenheit, "einen Crash-Kurs im anwaltlichen Auftreten" zu durchlaufen?

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