Gesundheit : Schavans Aufbruch

Rückgrat und gute Laune: Was die Forschung von der Ministerkandidatin erwarten darf

Anja Kühne

Annette Schavan. Ein Foto auf ihrer Homepage zeigt sie strahlend im PorscheCabrio neben der leicht zerzausten Angela Merkel. „Mit einer Fahranfängerin im Formel-1-Wagen kann Deutschland nicht gewinnen“, hat Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) polemisiert, als Merkel Schavan in ihr „Kompetenzteam“ berief. Schavan, seit zehn Jahren Kultusministerin in Baden-Württemberg, sei forschungspolitisch eine Laiin, sagte Bulmahn. Bulmahn hat über zehn Jahre in forschungspolitischen Gremien gearbeitet, bevor sie Bundesministerin wurde. Was darf man Schavan zutrauen?

Deutschlands Bundesminister für Bildung und Forschung hinterlassen im kollektiven Gedächtnis der Republik meist keine tiefen Spuren. Mit Heinz Riesenhuber, der sich besonders für die Raumfahrt und den Transrapid engagierte, assoziiert man vor allem die Fliege, die er stets trug. Nur Professoren denken bei Jürgen Möllemann an ein Milliardenprogramm für überlastete Unis, der Mehrheit hat er sich als Wirtschaftsminister eingeprägt („Aufschwung Ost“, Einkaufswagen-Chip). Und weiß heute noch jemand, dass Jürgen Rüttgers das Hochschulrahmengesetz entschlackt hat?

Unter Bulmahn ist das Ressort in den letzten Jahren aus dem Schatten der großen Politik getreten: mit dem Pisa-Schock, den Ganztagsschulen, den revolutionären Entwicklungen in der Gen-Technik, Elite-Unis. Der Dauerclinch von Bund und Ländern fand seinen Showdown in der Verfassungsreform, die an der Bildung scheiterte. Nun scheinen die Tage von Bulmahn im Amt der Bundesbildungsministerin gezählt. Sie hinterlässt ehrgeizige Reformprojekte wie den Exzellenzwettbewerb oder die Juniorprofessur. Und ein tief gestörtes Verhältnis zwischen Bund und Ländern. Was jetzt?

Es stimmt, Schavans politische Karriere ist auf das Thema Bildung, nicht auf Forschung gebaut. Gleich nach dem Abitur tritt die Studentin der Erziehungswissenschaft, Philosophie und katholischen Theologie der CDU bei: als „sachkundige Bürgerin“ Im Schul- und Umweltausschuss ihrer Heimatstadt Neuss im Rheinland. 1980, nach ihrer Promotion, bekommt Schavan ihren ersten Job. Sie wird wissenschaftliche Referentin bei der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk in Bonn, dessen Leitung sie später übernehmen wird. Hier entdeckt die damals 25-Jährige ihre Begeisterung für die Begabtenförderung, von der sich die Baden-Württemberger zuletzt überzeugen konnten, als Schavan im vergangenen Jahr das erste Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd eröffnete. Intellektueller Dünkel ist dabei nicht im Spiel. Schavan, die gerne Sachbücher liest (zurzeit „Epochenwende“ von Meinhard Miegel), geniert sich nicht zu sagen, dass sie ab und an auch ein gutes Kinderbuch dazwischenschiebt.

Erwin Teufel hat Schavan, die zuvor als Kultus- und Frauenministerin dem Schattenkabinett von Christian Wulff in Niedersachsen angehört hatte, 1995 als Kultusministerin nach Baden-Württemberg geholt. Hier hat sie sich ihr Ansehen erworben, als Schulreformerin: Das Land kann sich mit Spitzenplätzen in Schulleistungsstudien wie Pisa oder Iglu schmücken.

Doch als Bundesministerin wird Schavan bildungspolitisch äußerst zurückhaltend agieren müssen. Es herrscht Kalter Krieg zwischen Bund und Ländern. Die Länder werden Schavan genau beobachten und in der bevorstehenden Verfassungsreform versuchen, einen Abschied des Bundes aus der Schulpolitik zu erzwingen. Sollte sich Schavan gemeinsame Aktionen in der Bildung wünschen, müsste sie sich kommunikativ mächtig ins Zeug legen.

Dass sie in der Lage ist, die Atmosphäre zwischen Bund und Ländern zu verbessern, ist gewiss – nicht nur, weil die meisten Länder konservativ regiert werden. Edelgard Bulmahn hat den schmalen Grat zwischen Konsequenz und Prinzipienreiterei nicht gefunden. Selbst wohlwollende Wissenschaftsmanager kritisieren ihre fehlende Geschmeidigkeit: im Umgang wie in der Sache.

Schavan ist anders. Selbstbewusster und deshalb nicht so schnell zu kränken. Die Rheinländerin strahlt gute Laune aus – auch Charme kann ein Erfolgsfaktor in der Politik sein. Schavan ist flexibler als Bulmahn, Standpunkte bezieht sie gleichwohl. In der katholischen Kirche hat sie sich für den Erhalt der Schwangerenkonfliktberatung in kirchlicher Trägerschaft stark gemacht. Von Rückgrat zeugt auch ihr Einsatz für die Emanzipation der Frau. An prominenter Stelle positioniert sich Schavan auf ihrer Homepage: Gleichberechtigung sei keine „Modeerscheinung“, sondern „eine Frage der Gerechtigkeit“. Die einstige Bundesgeschäftsführerin der Frauenunion und Leiterin der Abteilung „Frauen- und Familienpolitik“ im Konrad-Adenauer-Haus hat dafür gesorgt, dass in Baden-Württemberg der Anteil von Frauen in schulischen Führungspositionen gestiegen ist – für eine Unions-Politikerin kein populäres Engagement.

Trotzdem ist der „stille Shooting-Star der CDU“ („Taz“) in der Union beliebt: Zweimal wurde sie mit exzellenten Ergebnissen zur Parteivizevorsitzenden gewählt und sogar als Nachfolgerin von Bundespräsident Rau gehandelt.

Als Teufel-Nachfolgerin konnte sich Schavan in Baden-Württemberg gleichwohl nicht durchsetzen, die Partei wollte keine Landesmutter. Für Schavan ist die vorgezogene Wahl, die den Abschied vom Land unverhofft früh ermöglichen dürfte, deshalb ein besonderer Glücksfall. In Vorfreude lässt sie ihre Blicke bereits über den Wohnungsmarkt in Berlins Mitte schweifen. Ihre Naturverbundenheit wird die 50-Jährige weiter im Südwesten Deutschlands ausleben: Sie behält ihre Zweitwohnung in Überlingen am Bodensee, wo sie gerne Rad fährt, schwimmt und für ihre Freunde Fischpfannen kocht.

Was kann die Wissenschaft von Schavan erwarten? Die Geisteswissenschaftlerin (Dissertation über: „Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzung, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“) soll sich vor allem in Forschung und Technik betätigen. Sich dort einzuarbeiten ist schon anderen gelungen. Eine andere Frage ist, welchen Stellenwert ihre Partei dem Thema beimisst. „Wegen der Wissenschaftspolitik würde ich die CDU nicht wählen“, bekennt ein konservativer Hochschulexperte. In der Wissenschaft wundert man sich über die dürren Worte zum Zukunftsthema Bildung im Wahlprogramm und über die zwei milliardenschweren Rechenfehler, die der Partei zuungunsten der Forschung unterlaufen sind. Ob es Schavan gelingen wird, den designierten Finanzminister Kirchhof für ihr Gebiet zu gewinnen, ist ungewiss. Vielleicht hilft ihr Merkels Wirtschaftsberater Heinrich von Pierer, der mit seinem „Rat für Wachstum und Innovation“ eine Brücke zwischen der Forschung und der Wirtschaft schlagen soll.

Die Hochschulpräsidenten rechnen damit, dass Schavan als Bundesministerin das Hochschulrahmengesetz weiter abspecken wird – was auch Bulmahn getan hätte. Etwas Neues wird sich Schavan wohl für das Bafög einfallen lassen. Aber was? Sie könnte das Bafög allein den Ländern überlassen. Sie könnte das Bafög auch wieder wie unter Kohl zum Volldarlehen machen, dafür aber den Kreis der Geförderten erweitern, um den Ländern Studiengebühren zu erleichtern.

Für Bulmahn waren das Verbot von Studiengebühren und die Erhöhung des Bafögs eine Herzensangelegenheit, gewonnen auch aus eigener Erfahrung: dem bildungsfernen Elternhaus, aus dem sie sich emporkämpfte. Auch Schavan stammt nicht aus bildungsbürgerlichen Kreisen. Das älteste von drei Kindern hat als erstes Familienmitglied Abitur gemacht. Doch Schavan kommt zu anderen Schlüssen als Bulmahn, sie hat mehr Zutrauen in die Leistungskraft des Einzelnen. Deshalb traut sie sich selbst auch das Bundesforschungsministerium zu. Wahrscheinlich zu Recht.

ANNETTE SCHAVAN, geboren 1955 bei Neuss im Rheinland,

studierte Erziehungswissenschaft, Philosophie und katholische Theolo- gie.

BILDUNG

Nach ihrer Promotion wird sie Referentin im bischöflichen Cusanuswerk und entdeckt ihr politisches Lieblingsthema: die Bildung.

KULTUSMINISTERIN

Ministerpräsident Erwin Teufel holt Schavan 1995 als Kultusministerin nach Baden-Württemberg.

PLÄNE IM BUND

Merkel hat Schavan als Expertin für Bildung und Forschung ins „Kompetenzteam“ berufen. Schavan will Forschungsministerin werden.

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