Gesundheit : Schicht im Schacht

Zwei Kabinen pro Röhre befördern 40 Prozent mehr Passagiere

Heiko Schwarzburger

„Mein Papa macht, dass in einem Aufzugsschacht zwei Kabinen unabhängig voneinander fahren“, sagt der zehnjährige Tobias Reuter in einem Werbespot im Fernsehen. Sein Papa ist Maschinenbauingenieur bei der Thyssen-Krupp Aufzugswerke GmbH in Neuhausen bei Stuttgart. Dort haben Techniker errechnet, dass die Beförderungsleistung um 40 Prozent steigt, wenn zwei Kabinen in einem Schacht laufen. Die beiden Aufzüge können gleichzeitig verschiedene Etagen eines Hochhauses bedienen. Es sind aber keine Doppelstockaufzüge, wie sie in Asien oder den USA üblich sind.

Schon 1931 meldete J.N. Anderson, ein technischer Angestellter des amerikanischen Liftherstellers Otis, ein Patent darauf an. Er wies nach, dass zwei Aufzüge unabhängig voneinander in einem Schacht fahren können, ohne miteinander zu kollidieren. Doch die Tücke steckte in der praktischen Umsetzung: Mehr als 70 Jahre lang schien es den Ingenieuren unmöglich, die doppelte Anzahl Antriebe, Zugseile, Treibscheiben, Fangvorrichtungen und Steuerungen in dem Schacht unterzubringen, ohne ein heilloses Wirrwarr anzurichten. „Das war eine der größten Herausforderungen bei der Entwicklung des Twin", sagt Rembert Horstmann aus der Düsseldorfer Konzernzentrale von Thyssen-Krupp.

Erst jetzt gibt es so kleine Bauelemente und Motoren, dass man auf große Umsetzungsgetriebe verzichten kann. Das schafft Platz und spart Energie. Zudem entwickelten die Ingenieure in Neuhausen eine trickreiche Elektronik, um das Twin-System zu steuern: Wer in einem großen Gebäude mit einem von mehreren Aufzügen fahren möchte, muss sich vorher an einem Computer anmelden. Dieser weist ihm noch vor Antritt der Fahrt den entsprechenden Aufzugschacht zu.

In Bruchteilen einer Sekunde rechnet der Computer aus, welcher Lift am besten geeignet ist, die wartenden Personen aufzunehmen. „Man drückt also nicht mehr im Lift die gewünschte Etage, sondern schon davor“, sagt Horstmann. „Im Lift gibt es keine Tasten mehr. Unsere Tests haben ergeben, dass die Wartezeit vor dem Aufzug und die effektive Fahrzeit deutlich geringer sind als bei einem normalen Aufzugsystem mit nur einer Kabine." Wer sich aber im Stockwerk irrt, muss aussteigen und neu wählen.

Die Elektronik steuert auch die Geschwindigkeiten der Kabinen, damit sie während des Betriebs nicht aufeinander prallen. Ein vierstufiges Sicherheitssystem soll den Crash unmöglich machen. Die Elektronik überwacht den Betrieb laufend und drosselt die Kabinen, falls sie die Mindestabstände unterschreiten. Sollte die Betriebsbremse den Fahrstuhl nicht rechtzeitig zum Stehen bringen, greift ein Keil mechanisch ein und setzt die Kabinen fest. Die Fangvorrichtung gehört bereits zum Standard aller Aufzüge.

Seit diesem Sommer benutzen Studenten der Stuttgarter Uni das neue Twin-System in einem Gebäude mit elf Stockwerken. „Für den Twin sind nur Gebäudehöhen zwischen 50 und 200 Metern sinnvoll", erläutert Rembert Horstmann. „Elf Stockwerke entsprechen ungefähr 50 Metern. Geringere Höhen werden mit einfachen Aufzügen wirtschaftlicher bedient.“ Lifte erreichen heutzutage Schachtlängen zwischen 200 und 250 Metern. Wer höher hinaus will, muss eine Umsteigeplattform einfügen wie seinerzeit im New Yorker World Trade Center. Sonst werden unter anderem die Seile zu dick.

Der Twin lässt sich auch in bestehende Schächte nachträglich einbauen. So kann der Hauseigentümer künftig von drei Schächten zwei mit Twin-Kabinen betreiben – und den dritten herkömmlich mit einer Kabine für Fahrten vom Erdgeschoss in die höchste Etage. Denn die Twinkabinen können noch nicht aneinander vorbeifahren (siehe Grafik).

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