Gesundheit : Schla-n-gen-li-ni-en

Wer am Ende der zweiten Klasse noch nicht lesen kann, lernt es vielleicht nie – daher gibt es in vielen Berliner Schulen ehrenamtliche „Lese-Mütter“

Juliane von Mittelstaedt

Bushra Mohammad hat nur eine Schülerin. Der Unterricht dauert eine Viertelstunde und zum Schluss gibt es Bonbons. Die perfekte Schule. Aber Bushra Mohammad ist keine Lehrerin, sondern Mutter, genauer „Lesemutter“, und ihre Schüler haben alle das gleiche Problem: Das Lesen fällt ihnen schwer. Elisa fängt immer vor Aufregung zu flüstern an, Dennis liest schon recht sicher, aber dafür manches, was gar nicht dasteht, und Nathalie stockt bei jedem Wort. Bei langen Worten holt sie tief Luft. Schla-n-gen-li-ni-en. Da bleibt von dem Gelesenen oft nicht viel mehr hängen als Buchstabenfetzen. Als Bushra Mohammad fragt „Und was hat das Pony gemacht?“, starrt Nathalie hilflos in die Luft. Das Lesen ist schon anstrengend genug.

Elisa, Nathalie und Dennis gehen in die dritte Klasse der Steinwald-Grundschule in Marienfelde – und eigentlich ist für sie der „Leselernprozess“ laut Stundenplan nach der zweiten Klasse abgeschlossen. Wer jetzt nicht richtig lesen kann, der lernt es vielleicht nie. „Wir haben immer wieder festgestellt: Viele Schüler brauchen mehr Zeit, sind nach zwei Jahren auf dem Stand des ersten Schuljahres“, sagt die Deutschlehrerin Gabriele Imholz-Loß.

Aber Zeit ist Geld, und Personal für die zusätzliche Leseförderung stand nicht zur Verfügung. So wurde die Idee der „Lesemütter“ geboren. Das aus den Niederlanden stammende Modell wird laut Grundschulverband bundesweit an vielen Schulen und in Modellprojekten praktiziert, allerdings bisher ohne systematische Auswertung. Auch in vielen Berliner Schulen sind die freiwilligen Lesehelferinnen aktiv. Horst Bartnitzky, geschäftsführender Vorsitzender des Grundschulverbands und ehemaliger Schulleiter, hat „ausgesprochen positive Erfahrungen“ mit den Lesemüttern gemacht: „Die Kinder erleben die Erwachsenen als Lesevorbilder.“ Zudem fänden viele zum ersten Mal einen interessierten Zuhörer und direkten Ansprechpartner für ihre Leseschwierigkeiten – was in den Familien oft nicht der Fall sei.

Wichtig für den Erfolg ist vor allem: Kontinuität. Daher haben jetzt nicht nur ihre Kinder, sondern auch die sechs Mütter einen Stundenplan. Ebenso die 66-jährige Christel Krüger, die durch Zufall von dem Projekt erfuhr und jetzt ehrenamtliche „Lese-Oma“ ist. Jeden Tag ist eine von ihnen zwei Stunden da und liest mit den Kindern, derzeit sind es acht, aus den ersten bis dritten Klassen. Die Härtefälle. „Wir könnten aber locker doppelt so viele Mütter brauchen", weiß Lehrerin Imholz-Loß. Die Mütter nehmen ihre Aufgabe sehr ernst, organisieren für den Notfall sogar eine Vertretung, denn sie wollen ihr Ziel erreichen: Jedes der acht Kinder soll täglich lesen – und das ein ganzes Schulhalbjahr lang. Schon nach wenigen Wochen sind erste Erfolge zu verzeichnen. Beim Lesenkönnen und beim Lesenwollen. „Aber noch nicht genug“, findet Christel Krüger und will weitermachen. „Jede Verbesserung ist ein kleines Erfolgserlebnis für die Kinder und für uns auch“, sagt Lesemutter Claudia Otto.

Dass Erfolg Spaß macht, sieht man Elisa, Nathalie und Dennis an. Sie kommen freiwillig hierher, rennen fast zu dem kleinen Raum am Ende des Flurs, wo eine Glastür zwischen ihnen und den anderen Kindern liegt. Nathalie kramt flink in der Bücherkiste, zieht ein Buch heraus, schlägt es auf und liest los. Auch wenn sie für jede Seite fünf Minuten braucht - keiner drängelt, keiner lacht. Es gibt keine Noten, keinen Zwang, keine „besseren“ Mitschüler. Die Lesemütter korrigieren sanft, lesen auch mal mit, stellen Fragen. Inzwischen kennen sie die Stärken und Schwächen ihrer Schüler ganz genau.

„Die Freude am Lesen weitergeben“, das ist hier für die hauptamtlichen und Freizeit-Lehrerinnen selbstverständlich. Regelmäßige Bibliotheksbesuche, Lesetagebücher, Buchvorstellungen, Kurzreferate, für die Bücher ausgeliehen werden müssen, gehören daher zum Schulalltag. Auch gemeinsame Theaterstücke, Lesewettbewerbe und Lesenächte sollen diese Freude wecken. „Ganz normal“ finden die Deutschlehrerinnen dieses Engagement – und Lob schon fast peinlich. Ihr Motto: „Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.“

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