Gesundheit : Schlafende Gefühle

Die amerikanische Literaturhistorikerin Mary Campbell will mehr Raum für Träume

Hannah Lobel

Wenn Mary Baine Campbell in ihrer Heimatstadt im Mittleren Westen der USA ihre Arbeit erklärt, begegnet sie oft verwirrten Blicken. „Dafür werden unsere Steuergelder ausgegeben?“, fragen die ehemaligen Nachbarn. „Wieso gibt die amerikanische Regierung Leuten Geld, um nach Europa zu gehen und dort Träume zu erforschen?“ Solche Fragen werden Campbell immer wieder gestellt. Aber dieselben Skeptiker nehmen die Traumforscherin im Flur oder in der Küche beiseite, erzählen unter vier Augen ihre Träume nach und fragen, was sie bedeuten – allerdings oft im Gefühl, etwas Peinliches zu tun.

Diese Szenen aus einer amerikanischen Provinzstadt stehen für das Schicksal des Traumes in der Geschichte der Ideen. „Man könnte sagen, dass ich die Geschichte der Schamröte studiere“, sagt Campbell. Die Professorin an der Brandeis-Universität im US-Bundesstaat Massachusetts interessiert sich dafür, wie und warum der Traum von einem geschätzten Ursprung des Wissens zu einem unzuverlässigen und unwissenschaftlichen Gegenstand wurde – und in neuerer Zeit auschließlich in die Sphäre der Psychotherapie oder New-Age-Spiritualisten gehört. Mary Baine Campbell erforscht diese Fragen jetzt am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Seit diesem Herbst arbeitet sie im Projekt „Knowledge and Belief“ (Wissen und Glauben) mit und schreibt an einem Buch über Träume. In der ersten Hälfte des Jahres hat sie in England recherchiert, unterstützt von einem Fulbright-Stipendium der amerikanischen Regierung.

Literaturprofessorin, Dichterin und Literaturhistorikerin – und Traumforscherin; wie passt das zusammen? Für Campbell, deren letztes Buch das simultane Entstehen der fiktionalen Prosa und der empirischen Naturwissenschaft untersuchte, ist die Geringschätzung des Traums mit der Abwertung der Metapher verbunden. Beide haben während des 17. Jahrhunderts ihren Status verloren, als Naturphilosophen und Naturhistoriker begannen, das Rationale und Wahrnehmbare zum alleinigen Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu erklären. Der Traum wurde natürlich im 19. Jahrhundert von Sigmund Freud und seiner „Traumdeutung“ wieder belebt. Aber bei dieser Wiedergeburt habe der Traum seine Vielfältigkeit verloren, sagt Campbell. Dem Traum wurde die Kraft abgesprochen, für die Gesellschaft sinngebend zu sein oder Lebensumstände zu interpretieren. Übrig geblieben sei ein rein funktionelles Konzept des Traums, der nur Rückschlüsse auf das Individuum zulasse. Psychotherapeuten benutzen Träume als diagnostische Werkzeuge. Neurologen betrachten sie als Nebenwirkung, als ein Abheften der Erinnerungen.

Campbell sieht in dieser Entwicklung einen großen Verlust, nicht nur für die akademische Welt, sondern auch für die Gesellschaft im Allgemeinen. Die Ausgrenzung des Traums sei ein Zeichen dafür, wie tief Gefühle unterdrückt werden. „Sensibilität scheint aus unserem Leben herausgefallen zu sein“, sagt Campbell. Dabei gäben gerade Träume manchen Aufschluss über das Niveau der Gefühle, die im Alltag ausgesperrt würden. Besonders schwer betroffen davon sei ihr Heimatland, wo die starke Abgrenzung von den Emotionen sehr ernste politische Konsequenzen habe. Während ihrer letzten Besuche in den Vereinigten Staaten habe sie bemerkt, dass „die Leute ihre eigenen Zweifel und ihren Ekel gegenüber dem Irakkrieg nicht mehr wahrnehmen“.

In Deutschland glaubt Campbell auf ein anderes Verhältnis zu Träumen gestoßen zu sein. Die Deutschen, sagt sie, scheinen ihren Träumen von jeher mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Während im späten 17. Jahrhundert in Frankreich und England Träume marginalisiert wurden, erschienen im deutschsprachigen Raum 81 Traumbücher. Ob Deutsche nun einen besseren Kontakt zu ihren Gefühlen pflegen als Amerikaner, weiß Campbell nicht. Aber ihre Arbeit wird in Berlin jedenfalls ernster genommen als in ihrer Heimatstadt im Mittleren Westen. „In Berlin interessieren sich die Leute wirklich für mein Thema und belächeln mich nicht."

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