Schlafstörungen : Wenn die Nacht zur Qual wird

Noch vor 100 Jahren haben die Menschen im Schnitt neun Stunden geschlafen, heute nur noch sieben. Manche können ihren Akku gar nicht mehr aufladen. In Schlaflaboren kann ihnen geholfen werden.

Adelheid Müller-Lissner

„Zur Not habe ich dann eben noch weniger Schlaf“, so kommentierte kürzlich SPD-Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier die Herausforderungen, die im Wahlkampf auf ihn zukommen. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel antwortete auf die Frage von Kinderreportern nach ihren Wünschen für 2009 ebenso spontan wie bescheiden: „Immer einigermaßen ausgeschlafen sein.“ Wer ganz oben steht, kann sich diesen Luxus offensichtlich nur selten leisten. Doch auch der Durchschnittsbürger bekommt inzwischen eine deutlich kleinere Mütze Schlaf: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es noch neun, heute sind es nur noch sieben Stunden. „Man sieht schon, was die Leistungsgesellschaft mit unserem Schlaf macht“, sagt Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité.

Dabei ist Leistung ohne Schlaf nicht zu haben. Unausgeschlafen zu sein ist nicht nur ein blödes Gefühl, es kann bei der Arbeit oder im Straßenverkehr auch richtig gefährlich werden. „Die Leistungsfähigkeit ist messbar reduziert, die Konzentration lässt nach, Reaktionszeiten werden länger, und Fehlreaktionen häufen sich“, sagt der Physiker und Schlafforscher Thomas Penzel, Wissenschaftlicher Leiter des Charité-Zentrums.

Arthur Schopenhauer hatte also nicht Unrecht, als er schrieb: „Der Schlaf ist für den ganzen Menschen, was das Aufziehen für die Uhr.“ Heute liegt eher das Bild vom Akku nahe, der im Schlaf aufgeladen wird. Inzwischen weiß man allerdings, dass in den Nächten weit mehr passiert als einfaches Aufziehen oder Aufladen. Unser Gehirn arbeitet selbst im Schlaf hart. „Schlaf ist keinesfalls ein passiver Ruhezustand“, sagt der Psychiater und Schlafmediziner Thomas Pollmächer, der am Klinikum Ingolstadt das Zentrum für psychische Gesundheit leitet und kürzlich bei der „Konferenz Schlaf“ der Gottlieb Daimler- und Karl Benz-Stiftung in Berlin referierte. In der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) kann man etwa sehen, dass während des REM-Schlafs diejenigen Teile des Gehirns besonders aktiv sind, in denen Erlebtes emotional bewertet und so im Gedächtnis verankert wird. Während dieser Schlafphasen, die unter anderem durch schnelle Augenbewegungen gekennzeichnet sind (REM steht für „Rapid Eye Movement“), träumen wir bevorzugt. „Inzwischen wissen wir, dass der Herzschlag während des REM-Schlafs dem Traum folgt und dass die Temperaturregulation außer Kraft gesetzt ist“, erläutert Penzel.

Davor, in der ersten Stunde nach dem Entschlummern, durchläuft der Mensch zunächst vier Phasen, in denen der Schlaf Schritt für Schritt immer tiefer wird. Dann geht es in umgekehrter Richtung weiter. Man kann die Etappen anhand der Hirnströme voneinander abgrenzen, die mit Elektroden auf der Kopfhaut abgeleitet werden. Im Lauf der Nacht werden die verschiedenen Phasen mehrmals durchlaufen – sozusagen wie im Schlaf.

Bei den meisten Menschen, die im Schlafmedizinischen Zentrum der Charité landen, ist dieser selbstverständliche Ablauf jedoch gestört. „Meist leiden sie darunter, dass sie nicht gut durchschlafen oder sich mit dem Einschlafen quälen, einige klagen aber auch darüber, dass sie morgens regelmäßig sehr früh erwachen“, berichtet Ingo Fietze. Viele seiner Patienten wurden von ihrem Hausarzt überwiesen, typischerweise haben sie sich schon gut ein Jahr mit schlechtem Schlaf gequält. Etwa die Hälfte von ihnen vermutet, dass ein bestimmtes Ereignis der Auslöser war: Wohnungswechsel, Ärger im Beruf, eine Trennung. Und ebenfalls jeder Zweite berichtet, immer schon ein sensibler Schläfer gewesen zu sein.

Vor allem diese Menschen mit störanfälligem Schlaf haben viele gute Tipps meist schon ausprobiert, ehe sie bei den Schlafmedizinern landen, etwa ausreichend Bewegung in den Alltag einzubauen oder ein Entspannungsverfahren zu erlernen. Die meisten haben es auch erfolglos mit pflanzlichen Mitteln wie Hopfen und Melisse oder mit Melatonin versucht. Viele haben Angst, von den stärker wirkenden synthetischen Schlafmitteln abhängig zu werden. Ingo Fietze beruhigt: „Abhängig wird man allenfalls vom täglichen Ritual.“ Wer einige Monate mithilfe eines Medikaments gut geschlafen hat, sollte deshalb nur sehr behutsam testen, ob es nicht auch ohne geht.

Bei einigen schlechten Schläfern trägt schon eine Nacht im zentrumseigenen Schlaflabor zur Beruhigung bei. Dabei handelt es sich im Prinzip um ein technisch aufgerüstetes Schlafzimmer. „Wir wollen Schlaf messen, deshalb ist dort Ruhe oberstes Gebot“, sagt Fietze. Inzwischen gibt es republikweit eine Fülle solcher Einrichtungen, in denen Schlafgestörte eine oder mehrere Nächte verbringen können. In der Charité stehen auf den Campus Mitte und Virchow zehn Plätze zu Verfügung. Zahlreiche Elektroden, die an Kopf und Körper angelegt werden und deren Kabel in einem Kästchen auf dem Bauch der Versuchsperson münden, messen dort nicht nur die Hirnströme, sondern auch Herzschlag, Atmung, Aktivität, Blutdruck, Sauerstoffgehalt des Bluts und Bewegungen der Arme und Beine. Etwa eine Stunde dauert es, bis der Schlafwillige voll verkabelt ist.

Vielen verschaffe schon diese Prozedur die nötige Bettschwere, berichten die Ärzte. Andere sind am Tag danach beruhigt, wenn der Doktor ihnen versichert, dass keine auffälligen Atemaussetzer oder Beinbewegungen zu verzeichnen waren und dass auch die Anzahl der Mikrowachphasen während der Nacht nicht besorgniserregend hoch war. „Bis zu 20- mal in der Stunde ist normal“, versichert Fietze. Aber natürlich ist das Schlaflabor nicht Teil der Therapie. Die Auffälligkeiten, die dort gefunden werden, stellen erst die Weichen für die richtige Behandlung, etwa wenn dort Atemstillstände entdeckt werden, die eine Nasenmaske beheben könnte.

http://schlafmedizin.charite.de/

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