Gesundheit : Schlaganfall: Das Stone-Syndrom

Andreas Austilat

Den Herzog traf es zwei Tage vor Weihnachten. Eben noch hatte Don Jaime de Marichalar, Schwiegersohn des spanischen Königspaares, kraftvoll in die Pedale des Trimmrades getreten, da riss es ihn ohnmächtig zu Boden. Schlaganfall hieß die Diagnose im Madrider Hospital Gregorio Marañon, ausgelöst durch ein Gerinnsel in der rechten Gehirnhälfte. Bei Hofe reagierte man überrascht, erstens habe der Herzog nie über Beschwerden geklagt und zweitens sei er doch erst 38. Der Schlaganfall aber gilt gemeinhin als Alterskrankheit.

Pech also, ein unglücklicher, nicht vorhersehbarer Zufall? Immerhin, Don Jaime hat inzwischen die Intensivstation zwar nicht gesund, aber doch wenigstens lebendig verlassen. Der Schlaganfall nämlich ist in allen westlichen Industrienationen nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs Todesursache Nummer drei. Ungefähr 200000 Menschen jährlich erleiden hier zu Lande einen Schlaganfall, etwa jeder fünfte stirbt, bei vielen bleiben schwere Behinderungen zurück. Genauere Zahlen fehlen, da eine bundeseinheitliche Statistik erst aufgebaut wird. Dennoch sieht Professor Karl Einhäupl, Direktor der Neurologischen Klinik an der Charité in Berlin, Indizien dafür, dass immer mehr jüngere Leute einen Schlaganfall erleiden, zumindest komme dem inzwischen mehr Aufmerksamkeit zu.

Sharon Stone hatte das zweifelhafte Privileg, dem Phänomen einen Namen zu geben. Die Schauspielerin erlitt im vergangenen September einen Schlaganfall - ebenfalls beim Fitness-Training. Die Medical Association von Nordkalifornien spricht seitdem vom "Stone-Syndrom" und beruft sich auf Studien der Ohio State University. Danach hätten ernste, gesundheitliche Zwischenfälle infolge sportlicher Betätigung bei Männern und Frauen um die 40 seit 1980 um 20 Prozent zugenommen. Doch darunter verbuchte die Universität auch den Tod des Jogging-Papstes Jim Fixx oder des Schriftstellers Douglas Adams, die beim Lauftraining einen tödlichen Herzinfarkt erlitten. Und selbst das kurios anmutende Unglück der Sting-Ehefrau Trudie Styler gehört in die Kategorie Sportunfall, sie zog sich beim Yoga einen Riss des Brustbeins zu.

Ein Schlaganfall - ausgerechnet die scheinbar nie alternde und nach wie vor blendend aussehende Sharon Stone, die doch der lebende Beweis zu sein schien, dass man auch mit 40 sich von keinem

20-Jährigen etwas vormachen lassen müsse? Besorgt fragte man sich in amerikanischen und englischen Fitness-Magazinen, ob nun der Jugendwahn seine Opfer fordere. Eine Risikogruppe war schnell ausgemacht: der Kevin-Spacey-Charakter, frei nach dem Film "American Beauty", in dem ein Enddreißiger ohne Rücksicht auf Verluste erst einen Teenager anhimmelt und dann seinen vernachlässigten Körper stählen will.

Sharon Stone war mitten in der Vorbereitung auf einen Wohltätigkeitslauf mit extremen Kopfschmerzen kollabiert. Der stechende Schmerz ist Indiz für die dann auch diagnostizierte Subarachnoidalblutung. Ein Aneurysma, eine Schwachstelle im Schlagadergewebe, war geplatzt und sehr viel Blut in den sonst mit Wasser gefüllten Raum zwischen Gehirn und Hirnhaut geströmt. Und wie der thrombotische Verschluss im Falle des spanischen Herzogs führt die massive Blutung zur Unterversorgung des Hirns, mithin zum Schlag. Sharon Stone hatte Glück, sie überlebte und soll nach einer Operation inzwischen wieder genesen sein.

Solch eine Subarachnoidalblutung gehört bei älteren Patienten mit fünf Prozent zu den vergleichsweise seltenen Schlaganfallursachen, bei den um 40-Jährigen ist er mit geschätzten 20 Prozent sehr viel häufiger, wie Professor Peter Marx, Direktor der neurologischen Klink und Poliklinik am Berliner Universitätsklinikum Benjamin Franklin bestätigt. Aus einem einfachen Grund: Wenn so ein Anereuysma reißt, dann in den ersten 40 Lebensjahren. Und es gebe zwar keinerlei epidemologische Daten, die solch eine These untermauern würden, plausibel sei es aber schon, dass extreme körperliche Kraftbelastungen, vor allem Pressdruck, den Blutdruck so weit hoch treibe, bis die Schwachstelle eben nachgebe. Dies kann natürlich an der Kraftmaschine geschehen, muss aber nicht. Theoretisch kann es einen auch auf der Toilette erwischen.

Don Jaime de Marichalar hatte kein Aneurysma. Eine Ferndiagnose, was letztendlich das Gerinnsel in diesem Fall ausgelöst hat - am wahrscheinlichsten wäre in dieser Altersgruppe zum Beispiel ein vorangegangener Infekt oder eine Verletzung - wird niemand wagen. Aber nicht einmal Arteriosklerose, das vermeintliche Altersleiden, kann ausgeschlossen werden. Arteriosklerose, die zunehmende Erstarrung und Verengung der normalerweise elastischen Blutgefäßwand gilt neben Bluthochdruck als Hauptursache für den Schlaganfall im Alter. Theoretisch können unter ihr schon Kinder leiden, sagt Christine Graf, Ärztin im Institut für Kreislaufforschung an der Sporthochschule Köln. Und was für Kinder gilt, gilt für 38-Jährige erst recht. Daraus aber den Schluss zu ziehen, lieber keinen Sport zu treiben, hält Christine Graf für völlig verfehlt. Im Gegenteil, Bewegung beugt der Arteriosklerose vor. Und den Tod beim Sport hält sie eher für einen seltenen Einzelfall. Trotzdem sollten untrainierte Mittdreißiger moderat beginnen und ihre Ziele nicht zu hoch stecken, bloß weil sie glauben, genauso fit zu sein wie einst. Auch wenn sie sich so fühlen - sie sind es nicht.

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